BHR Biographisches Portal der Rabbiner

JACOBSON, Israel, Dr. h. c.

  • Geb. 17. Okt. 1768 in Halberstadt,
  • Gest. 13./14. Sept. 1828 in Berlin
  • Sohn des Jakob b. Israel aus einer Oberschichtfamilie, erhält eine rb. Bildung, in Braunschweig Heirat mit Minna-Menckel (1766-1819), Tochter des dortigen Hoffaktors Herz Samson, dessen Ämter er 1795 erbt
  • wie dieser trägt er den mit seinem Amt als Kammeragent von Herzog Karl Ferdinand verbundenen Titel eines „Landesrabbiners“ für die Weserregion. 1801 Gründung einer jüd. Handels- und Landwirtschaftsschule in Seesen, 1804 naturalisiert und damit den christlichen Untertanen rechtlich gleichgestellt
  • 1807 Ehrendoktor der Univ. Helmstedt, 1806 Anreger des Pariser Sanhedrin. J. spricht sich dafür aus, daß die Juden „sich nach den bestehenden Landesgesetzen richten müssen und bloß in Religionssachen ihr eigenes Forum haben, daß aber auch alsdann bei der Handhabung der Gerechtigkeit kein Unterschied gemacht werde“. Unter dem Westphälischen Königreich, das mit der Verfassung vom 15. Nov. 1807 die Gleichberechtigung promulgiert, wird J. am 8. Feb. 1808 eingesetzt zum Präsidenten des Konsistoriums der Israeliten in Kassel (als Laienmitglied an der Seite der Rb. Löb Berlin und Mendel Steinhardt). Im selben Jahr scheitern seine Bemühungen um Gleichberechtigung der Frankfurter Juden. 17. Juli 1810 Eröffnung des „Tempels“ in Seesen mit dem ersten Versuch einer deutschhebräischen Reformliturgie, durch Orgel, Chor und Glocken begleitet. 1812 Hofbankier von König Jérôme und Ritter des Westphäl. Ordens
  • sitzt als Vertreter des Okerdepartements in der Ständeversammlung. Nach dem Fall des Königreichs (Sept. 1813) läßt er sich Ende 1814 in Berlin nieder. Während des Jahres 1815 hält er private Reformgottesdienste in seinem Haus, dann in dem von Jacob Herz Beer
  • diese vielbesuchten Versammlungen, zu denen Isaak Lewin Auerbach, Eduard Kley und Carl Siegfried Günsburg predigen, werden von König Friedrich-Wilhelm III. verboten. Besitzt an Ländereien sechs ehem. Klöster im Westphälischen, später fünf Gutshöfe in Mecklenburg, eine Lederfabrik in Potsdam und einen Landsitz in Steglitz. Zweite Ehe mit seiner Nichte Jeannette Leffmann (1801-1871), einer Enkelin Herz Samsons. Hinterließ zehn Kinder.

Dokumente

  • StAWolfenbüttel, L Alt Abt. 2 C VII Nr. 54 Cammer-Agent Israel Jacobsohn, 1795-1807.

Publikationen

  • Les premiers pas de la nation juive vers le bonheur sous les auspices du grand monarque Napoléon, Paris 1806
  • Très humble remontrance adressée à Son Altesse le Prince Primat de la Confédération du Rhin / Unterthänigste Vorstellung an Se. Hoheit den Fürst Primas der Rheinischen Conföderation, Braunschweig 1808; gegen die neue Frankfurter Stättigkeit von 1807
  • Rede am Geburtstage Sr. Majestät des Königs von Westphalen, Hieronymus Napoleon, Kassel 1811.

Bildmaterialien

  • Bildnis bei Meyer, S. 31.

Literatur

  • Isaac Marcus Jost in IA 1839, S. 225-227, 234f, 242-244
  • [Jeremias Heinemann,] „Das israelitische Konsistorium im vormaligen Königreiche Westphalen in dem Zeitraume von 1808- 1813“, Jedidja 1843
  • JE
  • Lazarus, MGWJ 58 (1914), S. 85-96
  • S. Silberstein, „Das Testament Israel Jacobsons“, JJGL 27 (1926), S. 101-109
  • Heinrich Schnee, Die Hoffinanz und der moderne Staat, Bd. II, Berlin 1954, S. 109-154; zitiert die berühmte Reaktion Goethes vom 20. April 1808 auf den Fehlschlag seiner Bemühungen um Gleichberechtigung der Frankfurter Juden: „Es war mir sehr angenehm zu sehen, daß man dem finanzgeheimrätlichen jacobinischen Israelssohn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat“ (S. 133). Die Emanzipation wird 1811 trotzdem promulgiert
  • Jacob R. Marcus, Israel Jacobson, the Founder of the Reform Movement in Judaism, Cincinnati 1972
  • Meyer, Response to Modernity, S. x, 30-35, 38, 40, 42f, 46f, 100, 102, 146, 155, 177: „In fact, he is often considered the first of the practical reformers or even ’the founder of the Reform movement’ ... Jacobson was not an original thinker and lacked formal secular education; his religious ideas were simply those of the later maskilim. But his wealth, his unflagging energy, and for a time the authority granted him by the Westphalian state enabled him to implant these values in new and existing institutions“
  • Maier, Jüdische Religion, S. 637.