Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Staat, Nation, Gesellschaft

Unter dem Titel Staat, Nation, Gesellschaft haben das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung DISS und das Steinheim-Institut die jüdische Vision einer integrativen Gesellschaft in den Debatten des 19. Jahrhunderts untersucht.

Die Begriffe Staat, Nation, Gesellschaft bezeichnen zentrale Themenfelder, zu denen sich deutsch-jüdische Autoren - als Juden - seit der Aufklärung und während des gesamten 19. Jahrhunderts an die deutsche Mehrheitsgesellschaft wandten. Sie skizzierten zutiefst engagiert und in beispielloser Breite und Vielfalt die sozialethischen Grundlagen, auf denen ein europäisches Deutschland erstehen sollte. Sie bekräftigten zugleich mit großem Nachdruck das Jahrtausende gewachsene, ethische Erbe des Judentums selbst, das in diesem Deutschland endlich anerkannt und zu neuem Leben erweckt werden sollte. Adressat waren die christlichen Hierarchien und die oft repressiv eingestellten bürgerlichen Eliten und Obrigkeiten in Deutschland. Mit dem Schlagwort vom christlichen Staat sperrten sie sich gegen die politische und soziale Gleichberechtigung der Juden bis weit ins wilhelminische Kaiserreich. Viele deutsch­-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts bestimmten dagegen in der jüdischen Vision der gerechten Gesellschaft das Projekt der Moderne schlechthin. Sie plädierten für das Zusammenrücken von Judentum und Christentum um das Zentrum der gemeinsamen Ethik, für die gemeinsame Arbeit an der neuen Gesellschaft und für die universalistische Vollendung der ethischen Mission der monotheistischen Schwesterreligionen. Vor dem Hintergrund der Debatte um Differenz und Konvergenz zwischen Judentum und Christentum erläuterten sie die ethischen und sozialethischen Anschauungen des Judentums und stellten diese gewachsene, ethische Tradition in unmittelbare Beziehung zur modernen Wertedebatte, insbesondere zur Vereinbarkeit von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Im Rahmen eines zweijährigen diskurshistorischen Forschungsprojekts, das vom Forschungsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen finanziell ermöglicht wurde, hat ein interdisziplinäres Team des DISS und des Steinheim-Instituts, den deutsch-jüdischen Diskurs im 19. Jahrhundert zur Thematik Staat, Nation, Gesellschaft untersucht. Das Projekt und seine Ergebnisse bilden nunmehr die Grundlage des Vorhabens, wichtige Werke aus diesem Diskurs neu zu edieren.

Technische Basis des Projekts ist die Volltext-Übertragung ausgewählter Schriften im OCR-Verfahren (optical character recognition). Angesichts des meist in gebrochenen Schrifttypen vorliegenden Textmaterials erwies sich dies als innovative, technisch anspruchsvolle und arbeitsintensive Entscheidung, die zugleich die Perspektive auf eine Quellenedition im Druck oder online eröffnet. Da viele Titel nur noch vereinzelt und in oft bedenklichem Zustand erhalten sind, ist das Projekt auch ein Beitrag zur Erhaltung eines wichtigen kulturellen und politischen Erbes.

Die Edition trägt den Titel: Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft. Die Reihe erscheint im Böhlau-Verlag und wird über mehrere Jahre sozialethische Beiträge deutsch-jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts in anspruchsvoller Form präsentieren. Zum Auftakt ist der wissenschaftliche Bericht zur genannten Untersuchung erschienen: Er trägt den Titel

Michael Brocke, Margarete Jäger, Siegfried Jäger, Jobst Paul, Iris Tonks: Visionen der gerechten Gesellschaft. Der Diskurs der deutsch-jüdischen Publizistik im 19. Jahrhunderts. Böhlau : Köln 2009 Publikationen


Grundlagenwerke und Werkausgaben

Erschienen sind:

  • Elias Grünebaum: Die Sittenlehre des Judenthums andern Bekenntnissen gegenüber. Nebst dem geschichtlichen Nachweise über Entstehung und Bedeutung des Pharisaismus und dessen Verhältniß zum Stifter der christlichen Religion. Synoptische Edition der Ausgaben von 1867 und 1878. hrsg. von Carsten Wilke. [1]
  • Saul Ascher: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Renate Best. Publikationen
  • David Friedländer: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Uta Lohmann. Publikationen
  • Gabriel Riesser: Ausgewählte Werke. Teilband 1. Hrsg. von Jobst Paul und Uri R. Kaufmann.(1840-1842) Publikationen
  • Ludwig Philippson: Ausgewählte Werke. Hrsg. von Andreas Brämer. Publikationen

Geplante weitere Veröffentlichungen:

  • Joseph Levin Saalschütz: Zur Versöhnung der Confessionen oder Judenthum und Christenthum in ihrem Streit und Einklang. (1844)
  • Salomon Formstecher: Die Religion des Geistes: eine wissenschaftliche Darstellung des Judenthums nach seinem Charakter, Entwicklungsgange u. Berufe in d. Menschheit. (1841)
  • Samuel Hirsch: Die Religionsphilosophie der Juden: oder das Prinzip der jüdischen Religionsanschauung und sein Verhältnis zum Heidenthum, Christenthum und zur absoluten Philosophie ; dargestellt und mit den erläuterten Beweisstellen aus der heiligen Schrift, den Talmudim und Midraschim versehen.(1842)
  • Israel Jacobsohn. Werke.

u.a.m.

Anthologien

Das Publikationsprogramm der Edition Deutsch-Jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts. Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft umfasst als weiteren Schwerpunkt die Herausgabe einer Reihe von Anthologien, in denen ausgewählte Beiträge deutsch-jüdischer Autoren des 19. Jahrhunderts zu sozialethischen Schwerpunktthemen erstmals neu abgedruckt werden. Herausgeber sind Michael Brocke und Jobst Paul.


Band 1: Gotteserkenntnis und Menschenbild. Schriften zur jüdischen Sozialethik. Publikationen

Band 2: Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Publikationen

Band 3: Recht/Soziale und ökonomische Gerechtigkeit.

Band 4: Staatbürgerliches Ethos/Staat und Religion.

Band 5: Universalismus und Messianismus.


wird über 30 Text-Beiträge versammeln, die sich den Grundlagen der jüdischen Sozialethik zuwenden. Die weiteren Bände werden die individuelle Pflichtenlehre, das Thema Recht und Gerechtigkeit, das staatsbürgerliche Ethos, sowie den jüdischen Universalismus und Messianismus thematisieren.

Online-Edition

Seit Beginn des Editionsprojekts entstehen auch digitale Volltext-Editionen von publizistischen Werken, Quellen und Dokumenten, die im Zusammenhang der deutsch-jüdischen Geschichte im 19. Jahrhundert stehen. [ http://www.deutsch-juedische-publizistik.de/] Die Konstituierung der betreffenden Volltexte (aus Fraktur) unterliegt denselben Qualitätsstandards wie für Texte, die in die Print-Edition eingehen. Mehrere Hundert Texte sind bereits aus der Fraktur in Antiqua übertragen und in einem ersten Korrekturgang durchgesehen worden. Sie stehen damit für eine spätere Aufarbeitung zur Online-Publikation bereit. Alle online publizierten Texte werden ins bibliographische System der Deutschen Nationalbibliothek übernommen und sind danach weltweit abrufbar.

  • Ein besonderer Teil des Online-Programms ist die Edition der Unparteiischen Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen, und israelitischen Deutschlands. Frankfurt am Main, 1837 Universal-Kirchenzeitung
  • Zwei für die Geschichte der deutschen Juden und für die historische Forschung bedeutsame Grundlagenwerke sind online gestellt worden. Es handelt sich um:
    • Christian Konrad Wilhelm von Dohm, Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden.Band 1, Berlin und Stettin, 1781
    • Christian Konrad Wilhelm von Dohm, Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden.Band 2, Berlin und Stettin, 1783
  • Unter dem Titel Grand Sanhedrin werden Volltexte wichtiger Einzelschriften und Dokumente zum Thema zugänglich gemacht werden Grand Sanhedrin
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