Aus Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen
Die Alliance Israélite Universelle und Deutschland
Seit März 2008 beherbergt das Steinheim-Institut ein von Carsten Wilke konzipiertes DFG-Projekt über die Alliance israélite universelle, die älteste jüdische Weltorganisation. 1860 in Paris gegründet, setzte die Alliance sich mit diplomatischen, publizistischen und finanziellen Mitteln für verfolgte Glaubensgenossen ein; insbesondere modernisierte sie das jüdische Bildungswesen in den islamischen Ländern. Nicht eine einheitliche Auffassung des Judentums, sondern das Bekenntnis zum Menschenrechtsgedanken und Staatsbürgerethos der europäischen Aufklärung einte die ca. 30.000 Mitglieder. Die Verbindung aus politischem Liberalismus und sozialem Verantwortungsgefühl ermöglichte eine seinerzeit beispiellose Zusammenarbeit zwischen säkularen und religiösen Juden, Deutschen und Franzosen, Europäern und Orientalen. Nationale Denkschemata und Selbstzensur angesichts antisemitischer Verschwörungstheorien haben in der Geschichtsschreibung vergessen lassen, dass die Alliance vor 1914 keineswegs eine französische Organisation war, sondern fast die Hälfte ihrer Mitglieder im Deutschen Reich lebte. Eine Monographie und eine Quellenpublikation sollen nun erstmals die außergewöhnliche deutsch-französische Kooperation in ihren ideologischen, organisatorischen und kommunikativen Dimensionen erschließen. Die Tätigkeit zahlreicher deutsch-jüdischer Persönlichkeiten kann damit in einen europäischen Bezugsrahmen gestellt werden. Hauptquelle ist das reiche historische Archiv der Alliance, das im Zweiten Weltkrieg von deutschen, dann sowjetischen Truppen geraubt wurde und erst seit 2001 wieder vollständig in Paris versammelt ist.

