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Memmelsdorf / Unterfranken 112 inscriptions (1835-1937)

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TEI P5

Projekt

Der jüdische Friedhof in Memmelsdorf wurde 2017 im Auftrag des Träger- und Fördervereins Synagoge Memmelsdorf (Ufr.) e.V. dokumentiert. Das Projekt wurde finanziert durch die Kulturstiftung des Bezirks Unterfranken, die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und die Memmelsdorfer Firma Rösler Oberflächentechnik GmbH.

Lage

Der Friedhof liegt nördlich von Memmelsdorf auf einer Anhöhe im Wald.

Geschichte

Der jüdische Friedhof in Memmelsdorf wurde am so genannten Burgstall (einer Anhöhe nördlich vor Memmelsdorf) im Jahr 1832 angelegt und ab 1835 belegt. Er umfasst heute 112 Gräber. Sie sind, bis auf einige Ausnahmen, chronologisch nach dem Todesdatum der Bestatteten angeordnet, von rechts nach links und von hinten nach vorne. Eine Ausnahme bilden die Grabstein rechts außen der ersten, dritten und vierten Reihe, hier wurde einige Jahre später noch betattet. In der ersten und vierten, jeweils nur ein Grab. In der dritten Reihe sind die ersten vier Gräber chronologisch von links nach recht belegt worden, vom Sterbedatum chronologisch anschließend an das linke Ende der Reihe.

Männer und Frauen sind jeweils in getrennten Reihen bestattet. Eine chronologische Reihung ist auf den meisten jüdischen Friedhöfen üblich. Die Einteilung in Männer- und Frauenreihen dagegen zumindest für diese Zeit selten; sie spricht für die streng religiöse Ausrichtung der Memmelsdorfer Gemeinde.

Bis zur Einrichtung des Friedhofs in Memmelsdorf musste die Gemeinde ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof im neun km entfernten Ebern beerdigen. Ebern war eine der zentralen Beerdigungsstätten der Region. Eine jüdische Gemeinde gab es dort nicht. Der jüdische Friedhof in Ebern wurde 1633 am Westhang des Steinbergs auf dem Flurstück Paradies eingerichtet und in den Jahren 1683, 1689 und 1710 durch Ankauf vergrößert. Heute befinden sich noch 1097 Grabsteine und Grabsteinfragmente aus drei Jahrhunderten auf dem Friedhof, darunter auch viele aus Memmelsdorf. 1832 wies die Königlich Bayerische Regierung die größeren jüdischen Gemeinden an, sich wegen der drohenden Choleragefahr eigene Friedhöfe einzurichten, damit die Toten nicht mehr über weite Strecken transportiert werden mussten. Als letzter Toter aus Memmelsdorf wurde am 17. April 1835 der zwei Tage zuvor verstorbene Abraham Rosenberger auf dem Friedhof in Ebern begraben.

Die erste Beisetzung auf dem Friedhof in Memmelsdorf fand am 8. Juli 1835 statt, die 14-jährige Berle Frank war am 6. Juli 1835 gestorben. Die letzte Beerdigung war das Begräbnis von Arthur Kahn, der sich am 7. November 1937 im Amtsgerichtsgefängnis in Ebern das Leben genommen hatte.

Um die Mitte des 17.Jahrhunderts siedelten sich die ersten Juden in Memmelsdorf an; sie standen ab 1705 unter dem Schutz des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau und dessen Familie. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1728/1729 erbaute Synagoge und eine Schule, die zunächst in der Schlossgasse, ab 1896 in der Judengasse stand. Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde in Memmelsdorf wuchs stetig. 1813 erreichte die Gemeinde mit 240 Personen, rund der Hälfte der Gesamtbevölkerung, ihren Höchststand. Neben Vieh- und Warenhändlern fanden sich unter den Mitgliedern der Gemeinde im 19. Jahrhundert zahlreiche Weber und Kunstweber, Schuhmacher und andere Handwerker. Mangel an Verdienstmöglichkeiten und die rigorose Einschränkung der Niederlassung von Juden im Königreich Bayern führten auch hier zu einer starken Auswanderung insbesondere der jüngeren Generation nach Amerika. Nachdem diese Beschränkungen 1861 aufgehoben worden waren, übersiedelten viele Gemeindemitglieder nach Bamberg und in andere größere Städte. 1912 musste die Schule, die von der jüdischen Gemeinde fast ein Jahrhundert lang geführt worden war, wegen sinkender Schülerzahlen geschlossen werden.

Fünf Memmelsdorfer Juden fielen im Ersten Weltkrieg oder gelten als vermisst. 1933 lebten in Memmelsdorf noch 25 jüdische Einwohner. Die letzten Juden verließen den Ort 1939. Von etwa 20 ehemaligen Mitgliedern dieser Gemeinde ist bekannt, dass sie in der NS-Zeit ermordet wurden.

Nach Auflösung der Gemeinde 1939 fanden keine Beerdigungen mehr statt. 1944 erwarb die politische Gemeinde Memmelsdorf das Gelände für 800 Reichsmark. Die jetzige Mauer wurde 1951/52 errichtet, dabei wurde das Friedhofsgelände deutlich verkleinert. 1926 wurde der Friedhof im Zuge antisemitischer Vorgänge im Umkreis von Memmelsdorf, Untermerzbach und Coburg geschändet. Vier Grabsteine wurden damals stark beschädigt, betroffen waren die Gräber von Levi Frank, Max Meier, Marie Kohn und Justin Langstädter. Nach den Angaben des damaligen Religionslehrers Max Abraham sind die eingelegten Glasplatten mit Aufschriften durch Steinwürfe oder durch Einschlagen mit einem Hammer oder Beil zertrümmert worden. Weitere Schändungen fanden in den späten 70er- und zu Anfang der 1980er-Jahre statt. Im Sommer 1999, zwischen dem 18. und 26. Juli, wurden drei Grabsteine samt Sockel umgeworfen und gingen zu Bruch, an einem weiteren Grabstein wurde die Inschriftentafel zerstört. Im Mai 2002 und im Mai 2005, wurde vermutlich durch einen Steinwurf eine Grabplatte beschädigt.

Im heutigen Ortsbild ist das ehemalige jüdische Wohnviertel noch gut erkennbar. Die behutsam restaurierte Synagoge dient als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum und beherbergt eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte der Region.

Archivalische Quellen

Jüdisches Standesregister Memmelsdorf 1811-1875 (StA Wü Jüd. Standesreg. Kopie 79)

Einwohnerverzeichnisse/Kataster 1817/1907/1932 (Gemeinde Untermerzbach)

Material von Cordula Kappner (Heimatforscherin, Haßfurt)

Forschungsergebnisse von Heike Tagsold (Synagoge Memmelsdorf)

Edition

Anna Martin

Fotografie

Anna Martin (2017)

Zitation der digitalen Edition

Digitale Edition - Jüdischer Friedhof Memmelsdorf / Unterfranken (1835-1937 / 112 Einträge)
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