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Krefeld (alter Friedhof) 493 inscriptions (1770-1924)

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epidat - epigraphische Datenbank

ID kre-88
Lizenz Creative Commons Attribution-BY 4.0 International Licence [CC BY]
Zitation Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Krefeld (alter Friedhof), kre-88: http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?kre-88

Name

R. Löb Bodenheimer [25.8.1868]          

Diplomatische Transkription und Übersetzung

‎‏מצבת קבורת‏‎ Stele des Begräbnisses
‎‏הרב המופלג המפואר אבי לחכמה‏‎ des ausgezeichneten, ruhmreichen Rabbiners, Vaters der Weisheit,
‎‏והתעודה מורנו ורבנו מוהר״ר יהודה‏‎ und des Zeugnisses, unseres Lehrers und unseres Meisters, Jehuda
‎‏המכונה ליב באדענהיימער‏‎ genannt Löb Bodenheimer.
‎‏עיר הבירה קארלזרוהע היתה‏‎ 5 Die Hauptstadt Karlsruhe war
‎‏מלדתהו ׃ בקהל הילדעזהיים החל‏‎ sein Geburtsort, in der Gemeinde Hildesheim begann
‎‏רוח ה׳ לפעמו לשרת בקדש ובעדת‏‎ der Geist des Ewigen in anzutreiben, in Heiligkeit zu dienen, und in der Gemeinde
‎‏ומדינת קרעפעלד ע״מ כ״ד שנה‏‎ und Land(judenschaft) Krefeld, der Hauptstadt (?), 24 Jahre lang
‎‏רועה נאמן לעמו להראות נתיב‏‎ ein treuer Hirte seinem Volk, zu zeigen den Weg
‎‏האמונה ולהורות חקים ומשפטים‏‎ 10 der Verläßlichkeit und zu lehren gute und wohlgefällige
‎‏טובים ונאמנים ויהי בכלות לו‏‎ Satzungen und Vorschriften; und als sein
‎‏ששים שנה אחר שחלה.‏‎.. sechzigste Jahr vollendet war, nachdem er erkrankte ...
‎‏ימים רבים והיה מוטל על ערש דוי‏‎ viele Tage und auf das Schmerzenslager geworfen war,
‎‏עלתה נשמתו הטהורה לשמי מרום‏‎ stieg seine reine Seele hinauf in die Himmel der Höhe
‎‏יום ד׳ ח׳ אלול תרכ״ח לפ״ק.‏‎ 15 (am) Tag 4, 8. Elul 628 der kleinen Zählung.
‎‏תנצב״ה‏‎ Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens
‎‏ישרון במר תצעק יען אבדת כליל תפארת.‏‎ Jeschurun schreit bitterlich ob des Verlustes einer prachtvollen Krone.
‎‏הר יהודה בו שכן אל נבחר לקבל דת אדרת.‏‎ Der Berg Jehuda, auf dem Gott wohnt, ward erwählt zu empfangen den glanzvollen Glauben.
‎‏וי השמש עלט עוב מי יאיר עוד על פני הארץ‏‎ Wehe! Die Sonne ist verdunkelt und trübe, wer wird nun erleuchten das Land.
‎‏דוה יתום מתורת חי, מי ירים נס לעמוד בפרץ‏‎ 20 Schmerz des von der lebendigen Tora Verwaisten, wer wird erheben ein Panier, in die Bresche zu springen.
‎‏השליכו. הס סעיפי ליל, נשמת צדיק תעשה חיל.‏‎ Stille herrsche (in den) Zweigen der Nacht, die Seele eines Gerechten wird sich kraftvoll erweisen.

Kommentar

Datierung Gestorben Dienstagabend, 25.8.1868
Der erste Teil der Inschrift für Rabbiner Bodenheimer ist, wie auch die vieler anderer Rabbiner, ausgesprochen biographisch ausgerichtet; er nennt seinen Geburtsort, den Ort seines ersten Wirkens, die genaue Dauer seiner Tätigkeit als Rabbiner in Krefeld, sowie seine langjährige Krankheit. Besondere Aspekte seines Wirkens für die Gemeinde oder von ihm verfasste Bücher oder Predigten sind hier aber nicht aufgeführt, was man von einer längeren Inschrift erwarten würde. Die auf dem Sockel eingravierte Inschrift (Zln. 17-21) bringt jedoch den Verlust und die Trauer der Gemeinde nach seinem Tod durch dichte Anlehnung an biblische Zitate emphatisch zum Ausdruck. Sie weist zugleich auch einen hohen Grad an Originalität auf, z.B. in der Bezeichnung des Berges Jehuda (Namensanspielung) als Wohnort Gottes oder die schöne Wendung "Zweige der Nacht". Wie häufig der Fall, führt gerade die Verwendung des Akrostichons (Jehuda) mit den damit verbundenen, selbst auferlegten Zwängen zu einer besonders kunstvollen hebräischen Inschrift.
Neben seinen Aufgaben als Rabbiner machte sich Bodenheimer besonders verdient im Bereich des jüdischen Schulwesens. Levi beschreibt seine Tätigkeit folgendermaßen: "Wissenschaftliche Befähigung verband er mit einer reichen, umfassenden, praktischen Erfahrung, er war ein vorbildlicher Rabbiner, mehrere Arbeiten sind das Zeugnis seiner literarischen Bildung. Ein Rabbiner hat ganz besonders auf den Religionsunterricht zu sehen. Hier tat er alles, was zu dessen Besserung führte, er sorgte für geeignete und befähigte Lehrkräfte, richtete neue Schulen ein, besondere Sorgfalt wandte er der jüdischen Elementarschule in der Hauptgemeinde zu. Wie der ihm gewidmete Nachruf erwähnt, gründete er einen Verein zur Ausbildung jüdischer Lehrer und Handwerker, den er durch Vorträge zu beleben und zu fördern suchte" (S. 296). Während Bodenheimers Amtszeit wurde auch die neue Synagoge gebaut und 1853 eingeweiht. Er litt allerdings unter seiner sehr gebrechlichen Konstitution, wie Levi darlegt: "Der bedauerliche körperliche Zustand Dr. Bodenheimers wurde noch verschlimmert durch den Tod seiner einzigen, außerordentlich begabten, im blühenden Alter von 19 Jahren verstorbenen Tochter. Wenn er auch trotz allen körperlichen und seelischen Leides seiner Amtstätigkeit oblag und auch wissenschaftlich sich beschäftigte, so konnte er doch seinen amtlichen Pflichten nur in sehr beschränktem Maße nachkommen" (ibid.).
Zur Genesung von seinen Leiden aber gelangte R. Bodenheimer nicht, und zwölf Jahre später berichtete die gleiche Zeitung von seiner Beerdigung:
Zl. 3: Der Titel MohaRaR, ‎‏מוהר״ר‏‎, wiederholt das vorangegangene morenu we-rabbenu, unser Lehrer und Meister.
Zl. 3/4: Die sehr häufig vorkommende Namenspaarung Jehuda/Löb geht auf Jakobs Segen zurück, wo Jehuda mit einem Löwen verglichen wird (Gen 49, 9).
Zl. 6/7: Ri 13,25, dort von Samson gesagt.
Zl. 8: Die Abkürzung ‎‏ע״מ‏‎ steht gewöhnlich für ‎‏עיר מלוכה‏‎, wörtlich "königliche Stadt", und weist hier wohl auf Krefeld als ehemaligen Hauptsitz des israelitischen Krefelder Konsistoriums.
Zl. 9: EstR 7,13, dort von Moses gesagt. Die Wendung findet sich öfters in Inschriften für Rabbiner bzw. Gemeindevorsteher, in Krefeld ist sie einmalig.
Zl. 13: Die Wendung ‎‏ערש דוי‏‎, das Schmerzenslager, meist das des Todkranken, entstammt Ps 41,4. Sie kommt hier in den Inschriften sonst nur zweimal vor, auf Stein B 126 von 1875 und C 94 von 1883.
Zl. 17: Hier ist "Jeschurun" als Bezeichnung für ganz Israel verwendet und nicht, wie in der Inschrift für Johann Jacob Meyer (B 168) von 1861, für den gesonderten orthodoxen Verein in Krefeld.
Zl. 19a: vgl. Gen 15,17
Zl. 19b: vgl. Gen 1,15 u. 17
Zl. 20b: vgl. Jes 49,22 und 62,10

Stilmittel

Reim Endreim auf -eret in Zln. 17/18 und auf -eretz in Zln. 19/20
Akrostichon Namensakrostichon in Zln. 17-21: ‎‏יהודה‏‎, Jehuda

Beschreibung

Maße 200 x 60 cm
Material Ruhrsandstein
Lage B 74

Zur Person

Löb Bodenheimer wurde am 13. Dezember 1807 in Karlsruhe geboren. Neben dem Besuch des Gymnasiums studierte er Talmud bei den Rabbinern Ascher Löw und Jakob Ettlinger. 1826 nahm er sein Universitätsstudium in Würzburg auf, und belegte dort Philosophie, Theologie, Philologie, Pädagogik und Staatswissenschhaft. In Würzburg besuchte er zugleich auch die Jeschiwa (Talmudhochschule) des berühmten R. Abraham Bing. Er promovierte im Jahr 1828; 1830 erhielt er das Rabbinerdiplom von R. Ascher Löw. 1831 wurde Bodenheimer Rabbiner in Hildesheim, ein Jahr später erfolgte seine Heirat mit Fanny, geborene Tobias. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Hermann und Ida. Zum Krefelder Oberrabbiner wurde er am 6. August 1844 gewählt und – nach Erhalt seiner preußischen Naturalisationsurkunde – am 8. und 9. Mai 1845 in seinen Amt eingeführt. Schon zwei Jahre später aber wurden in Folge des vom ersten vereinigten Preußischen Landtag verabschiedeten "Gesetz über die Verhältnisse der Juden" die rheinischen Konsistorien aufgelöst, wogegen Bodenheimer vergeblich gekämpft hatte. Die Beibehaltung des Titels "Oberrrabbiner" war hier, wie auch in Bonn, nur noch eine, aber doch streng gewahrte, Formsache.
Im Jahre 1856 schon erschien in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums folgende Beschreibung des Krefelder Oberrabiners:
"… Da ist ein gewaltiger Geist in potenzirter Weise thätig, während der Körper geschwächt ist und die Füße fast ihre Dienste versagen. Besuchte man ihn früher, noch vor einem Jahre, so traf man ihn äußerst selten, man mochte kommen wann man wollte, außerhalb seiner Studirstube, deren vier Wände ihrer ganzen Höhe nach – kaum Platz für Thüre und Fenster lassend – von Positorien, mit Büchern jeglicher Art und Formats gefüllt, verdeckt wurden; auf dem Fußboden bis zur Höhe des Tisches, auf Tischen und Stühlen lagen Bücher aufgeschichtet und kaum blieb so viel Raum leer, daß der Besuchende eben Platz nehmen konnte. In dieser seiner Studirstube war Herr Bodenheimer – ‚quasi in museo suo sepultus‘, um Coller’s Ausdruck über Spinoza zu gebrauchen – unter Büchern wie begraben. Jetzt trifft man ihn nicht mehr in seiner Studirstube, sondern in seiner Wohnstube, weil Krankheit und herbes Geschick seine Gesundheit untergraben und seinen Körper sehr gebeugt haben. Beim Hereintreten in diese Stube sieht man auf einem Seitentischchen einen Haufen Folianten liegen, welche dem Kommenden sogleich ankündigen, daß das geistige Wirken und Streben aus der Studierstube hierhin seinen Platz verlegt habe. In dieser Stube umgiebt ihn stets die kluge und liebevolle Gattin, die, auf jeden Wink achtend, auf die zarteste Weise ihn pflegt und seine wissenschaftliche Handlangerin abzugeben versteht. In der That arbeitet hier Bodenheimer … – nach unserer Meinung – mit noch viel größerem Fleiße als früher. So erfüllt derselbe, so viel er dieses in seinem jetzigen Zustande kann, nicht nur seine Berufspflichten, sondern auch der Anbau der Wissenschaft nimmt ihn in Anspruch. Das nur für Gelehrte vom Fach bearbeitete Lied Mosis nach Waltons Polyglotte, welches Sie und Frankel öffentlich mit Lob besprochen, und worüber die Wiener Akademie der Wissenschaften, historische Abtheilung, so wie viele Philologen von Ruf, unter denen wir nur einen Munk in Paris und einen Bensch in Göttingen namhaft machen, in belobenden Privatschreiben ihre ehrende Anerkennung gezollt haben, dürfte abermals der gelehrten Welt vorgelegt werden, da die neue Bearbeitung desselben bereits bis zur Hälfte vorgerückt ist. Auch an die Fortsetzung seines Testaments, dieser in der gelehrten Welt als classisch anerkannten juridischen Arbeit über Theile des talmudischen Rechts, hat derselbe nicht nur gedacht, sondern auch tüchtig gearbeitet, und soll diese Fortsetzung selbst, irren wir nicht, bereits oder beinahe druckfertig sein. Möchte diesem rüstigen Geiste recht bald eine kräftige Gesundheit wieder zu Gebote stehen und derselbe noch recht lange seinem Sprengel, der Wissenschaft und seiner lieben Familie erhalten bleiben! Alle, welche dieses lesen, werden wohl diesen Wunsch mit dem Unterzeichneten theilen! R. Wolfsdorf" (AZJ, Nr. 49, 20. Jg., 31.11.1856, S. 660f.)
"Crefeld, 28. August. Ein unabsehbarer Leichenzug bewegte sich heute durch die Straßen unserer Stadt, um den am 25. dieses [Monats] hier verstorbenen Konsistorial- Oberrabbiner L. Bodenheimer zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Dem Leichenwagen vorauf zogen die Knaben der hiesigen israel. Elementarschule, geleitet von den beiden Lehrern. Ihm folgten der Leidtragende, die Rabbiner von Düsseldorf und Köln, die Geistlichkeit der übrigen Confessionen, der Oberbürgermeister, die Vorsteher und Mitglieder einer großen Anzahl von Gemeinden des Consistorialsprengels, endlich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde und viele Mitbürger. Die beiden Rabbiner Herr Dr. Feilchenfeld aus Düsseldorf und Herr Dr. Schwarz aus Köln hielten die Leichenreden." Nach einer längeren Beschreibung von Bodenheimers Vita endet der Artikel mit folgenden Worten: "Groß war sein Sinn für alles Edle und Schöne. Mit welcher Liebe er der Wissenschaft zugethan war, bekundet seine etwa 3000 Bände umfassende Bibliothek, die eine Mustersammlung gelehrter Werke ist." (AZJ, Nr. 37, 32. Jg., 8.9.1868, S. 738f.)

Zur Familie

Tochter: Ida (B 75)

Quellen / Sekundärliteratur

SE 995/1868: Löw Moses Bodenheimer, geb. zu Carlsruhe, 61 Jahre, Ober-Rabbiner, Ehemann der Fanny Tobias, Sohn der zu Carlsruhe verstorbenen Eheleute Moses Bodenheimer, Geschäftsmann, und Rebecca Moses, gest. 25.8.1868, Abends 11 Uhr.

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