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Koblenz 6 inscriptions (1290-1330)

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TEI P5

Projekt

Grundlage vorliegender Dokumentation bildet die Veröffentlichung von Ulrich Offerhaus (s.u.) zu zwei mittelalterlichen Koblenzer Grabsteinen, die 1950 und 1979 in der Koblenzer Liebfrauenkirche gefunden wurden (Nrn. 0001 und 0002). Diese Dokumentation wurde hier weitgehend vollständig übernommen, die Übersetzung jedoch nach epidat-Standard überarbeitet und der Kommentar ergänzt. Weitere Hinweise auf mittelalterliche jüdische Grabsteine in Koblenz wurden ergänzt.

Ulrich Offerhaus: "Zwei mittelalterliche jüdische Grabstelen aus der Liebfrauenkirche in Koblenz", in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, 64. Jahrgang 2012 (Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte), S. 95-104, hier S. 101-104:

Geschichte

Für die geschichtliche Einordnung beider Grabstelen bieten sich zwei Fixpunkte an, das Sterbedatum der Frau Sara auf dem ersten Grabstein (1330) und die Verwendung beider Grabstelen als Baumaterial im Chorbereich der Liebfrauenkirche. Damit stellt sich die Frage, auf welche Weise die beiden Grabsteine als Baumaterialien in die Mauern der Liebfrauenkirche von Koblenz gelangten. Mit Sicherheit hatten beide Grabsteine ihren ursprünglichen Ort auf dem jüdischen Friedhof in Koblenz, wo die jüdische Gemeinde nachweislich im Jahr 1303 ein Stück Land von der Größe eines halben Morgens, das vor den Toren der Stadt auf einer hochwasserfreien Anhöhe am rechten Moselufer lag und vom Vorbesitzer als Weingarten genutzt wurde, gekauft hatte, um darauf einen eigenen Friedhof anzulegen.

Das entscheidende Datum stellt die Ausweisung der Juden aus dem Erzstift Trier um die Jahreswende von 1418/19 dar. Otto von Ziegenhain verfügte kurz nach seiner Wahl am 13. Oktober 1418 und vermutlich noch vor seiner am 12. März 1419 erfolgten Weihe zum Erzbischof von Trier die Ausweisung aller Juden aus dem gesamten Erzstift. Damit konfiszierte er sämtliche Schuldurkunden und Pfandschaften, die Juden als Gläubiger gegenüber ihren christlichen Schuldnern inne hatten, wie auch ihr gesamtes Immobilienvermögen zu seinen Gunsten. In der Absicht, sich das Wohlwollen des alten Adels und des aufstrebenden Bürgertums zu erwerben, handelte der neu gewählte Erzbischof und Kurfürst vermutlich auf politischen Druck dieser Kreise, die sich mit Hilfe dieser Maßnahmen ihrer jüdischen Gläubiger entledigten. Einige Jahre später bezifferte das Domkapitel die Einnahmen des Erzbischofs aus der Vertreibung der erzstiftischen Juden und der Einziehung ihrer Pfänder auf 60.000 Gulden [1].

Damit fiel auch der jüdische Friedhof in Koblenz in die Hand des Erzbischofs, der ihn als Lehen neu vergeben konnte - und gemäß einer in den Regesten der Erzbischöfe zu Trier enthaltenen Urkunde auch neu vergeben hat. Unter dem Datum vom 5. August 1421 ist vermerkt: Erzbischof Otto belehnt den Symon vom Burgdor zu Covolentz als momper Liesen und Elsen, der töchter Godarts Sack von Dievelich, mit dem Judenkirchhof zu Covolentz [2]. Nach der Vertreibung der Juden fiel herrenloses Land an den Landesherrn; und dieser gab den Judenkirchhof als Lehen an Simon, einen Angehörigen der städtischen Adelsfamilie der Herren vom Burgtor, der hier als Vormund bzw. Treuhänder für die beiden Frauen Liesen und Elsen fungiert [3]. Dabei ist offenbar vorausgesetzt, dass ihr Vater Gotthard Sack aus Dieblich verstorben ist. Somit ist der genannte Simon Inhaber des kurfürstlichen Lehens; Nutznießer sind die beiden Töchter des Gotthard Sack. Ob der verstorbene Gotthard selbst bereits Rechte an dem Grundstück besaß, das Simon jetzt als Treuhänder für dessen Töchter und als Wahrer ihres Erbrechts verwaltete, oder ob Simon hier als Vormund der vaterlosen Töchter, die keine eigenen Rechtsgeschäfte eingehen konnten, auftrat, muss offen bleiben.

Bevor der jüdische Friedhof als Viehweide genutzt werden konnte, mussten erst einmal alle Grabsteine abgeräumt werden. Und was lag da näher, als diese unter anderem in dem gerade im Bau befindlichen gotischen Chor der Liebfrauenkirche zu verbauen [4]?

Die Liebfrauenkirche ist ein spätromanischer Bau, der um 1180/1185 begonnen und um 1205 vollendet wurde. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hat die Kirche eine weitreichende Umgestaltung im gotischen Stil der Zeit erfahren, und dazu zählte vor allem der Bau eines neuen gotischen Chores. "Nach Plänen Johanns von Spay entstand 1404-30 der spätgotische Hochchor, dem die spätromanische Apsis wich. Der nördliche Seitenchor war 1432 vollendet, 1457 der südliche" [5]. Der zweite Grabstein, dessen Fundort und Fundumstände bekannt sind, war im Bereich des Bruchsteinmauerwerks des südlichen Seitenchores verbaut, das wie die ganze Choranlage von einer Außenhaut einheitlich verblendet war. Ob die beiden Grabsteine beim Einbau bearbeitet, d.h. ob die Ränder bewusst abgeschlagen und als Werkstein zurechtgehauen wurden, um sie in das umgebende Bruchsteinmauerwerk einzupassen, muss dahin gestellt bleiben. Dass man beim Herausreißen der Grabsteine aus der Verankerung auf dem Friedhof, bei ihrem Transport zur Baustelle und ihrer Verbauung im Bruchsteinmauerwerk ohne Respekt vor ihrer ursprünglichen Bedeutung umgegangen ist, darf wohl unterstellt werden. Steine dieser Größe, die anders als Bruchsteine bereits behauen waren und damit wertvollen und kostbaren Werkstoff darstellten, galten den Bauleuten als willkommenes Baumaterial für das Mauerwerk, an dem sie gerade arbeiteten.

Demnach wäre die Jahreswende 1418/19 mit der Vertreibung der Juden aus dem Erzstift Trier und der anschließenden Schändung des jüdischen Friedhofs in Koblenz terminus ante quem für das Sterbedatum der Frau Channa, Tochter des Herrn Efraim, und die Aufstellung ihres Grabsteins (0002) [6].

Der recht gute Erhaltungszustand der beiden mittelalterlichen jüdischen Grabstelen von zwei sonst unbekannten Frauen und die relativ leichte Lesbarkeit ihrer Inschriften verdanken sich der Zweitverwendung als Baumaterial; doch sollte nicht vergessen werden, dass diese aus der Vertreibung der Juden aus Koblenz und der Schändung ihres Friedhofs resultiert.

[1] Alfred HAVERKAMP, Die Juden im mittelalterlichen Trier. In: Verfassung, Kultur, Lebensform. Beiträge zur italienischen, deutschen und jüdischen Geschichte im europäischen Mittelalter, hg. von Friedhelm Burgard, Alfred Heit und Michael Matheus. Mainz, Trier 1997, S. 127-187, hier S. 180; Alfred Haverkamp vermutet, dass in einer Wahlkapitulation die Wahl von Otto von Ziegenhain zum Erzbischof an die rücksichtslos durchgeführte Maßnahme der Judenvertreibung gekoppelt war. Zur Veräußerung von konfiszierten Immobilien vgl. Germania Judaica, 3: 1350-1519, hg. von Arye MAIMON. Tübingen 1987, S. 628.

[2] Adam GOERZ, Regesten der Erzbischöfe zu Trier von Hetti bis Johann II. 814-1503. Trier 1861, S. 149, mit Verweis auf GÜNTHER, Codex Diplomaticus Rheno-Mosellanus. Coblenz 1822, 4, 243.

[3] Martin UHRMACHER, "Zu gutem Frieden und Eintracht strebend" - Norm und Praxis in Leprosorien des 15. Jahrhunderts im Spiegel ihrer Statuten. Das Beispiel Trier. In: Norm und Praxis der Armenfürsorge in Spätmittelalter und früher Neuzeit, hg. von Sebastian Schmidt und Jens Aspelmeier (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beihefte 189). Stuttgart 2006, S. 147-167, hier S. 159: Der Begriff (sc. Momper) leitet sich von mittelhochdeutsch 'muntbor' für Vormund ab. Der Momper vertritt also einen nicht voll rechtsfähigen Schutzbefohlenen, den sogenannten 'muntling', [...] nach außen.

[4] Zu zwei weiteren außerhalb der Liebfrauenkirche in Koblenz gefundenen mittelalterlichen jüdischen Grabsteinen vgl. Johann GILDEMEISTER, Aeltere jüdische Grabsteine. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 50/51 (1871) S. 295-302, hier S. 295 f.

[5] Manfred BÖCKLING, Die Liebfrauenkirche in Koblenz (= Rheinische Kunststätten 327). Köln 3/2004, S. 3; vgl. weiter Fritz MICHEL, Die kirchlichen Denkmäler der Stadt Koblenz (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 20.1. Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz 1). Düsseldorf 1937, S. 159, 165-168 und 185, und Michael Christian MÜLLER, Die Koblenzer Liebfrauenkirche als Spiegel kultureller Identität. Mittelalterlicher Kirchenbau zwischen Geschichtsbewusstsein und Gestaltungsanspruch.Worms 2001, S. 151.

[6] Franz-Josef ZIWES, Die jüdische Gemeinde im mittelalterlichen Koblenz - "Yre gude ingesessen burgere". In: Geschichte der Stadt Koblenz, 1: Von den Anfängen bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit, Gesamtredaktion: Ingrid Batori, Dieter Kerber, Hans Josef Schmidt. Stuttgart 1992, S. 247-257, hier S. 253, datiert den Grabstein vermutlich aus der zweiten Hälfte des 14. Jh.; ebenso Christoph CLUSE, 1307 - Die Koblenzer Juden werden Bürger. In: Quellen zur Geschichte des Rhein-Maas-Raumes. Ein Lehr- und Lernbuch, hg. von Winfried Reichert, Gisela Minn und Rita Voltmer. Trier 2006, S. 115-132), S. 123; Michael HUYER, Zur Geschichte der Juden am Mittelrhein. Synagogen und andere Kultstätten (= Wegweiser Mittelrhein 13.1). Koblenz 2006, S. 14, und Jüdische Friedhöfe (= Wegweiser Mittelrhein 13.2). Koblenz 2006, S. 49 f, spricht mit Hinweis auf die Maßwerkrahmung und Dreipassbögen allgemein vom 14. Jahrhundert.

Edition

Ulrich Offerhaus, für epidat bearbeitet und ergänzt von Nathanja Hüttenmeister

Publikationen

Ulrich Offerhaus: "Zwei mittelalterliche jüdische Grabstelen aus der Liebfrauenkirche in Koblenz", in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, 64. Jahrgang 2012 (Selbstverlag der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte), S. 95-104.

Zitation der digitalen Edition

Digitale Edition - Jüdischer Friedhof Koblenz (1290-1330 / 6 Einträge)
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