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Bonn-Schwarzrheindorf 416 Inschriften (1623-1956)

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ID bns-3114
Lizenz Creative Commons Attribution-BY 4.0 International Licence [CC BY]
Zitation Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Bonn-Schwarzrheindorf, bns-3114: http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?bns-3114

Name

Mosche ben Awraham Neuwied SeGaL (Dr. Moses Wolff) [16.9.1802]          

Diplomatische Transkription und Übersetzung

‎‏פ״נ‏‎ Hier ist begraben
‎‏איש ראש לנדיבים רופא מומח׳‏‎ der Erste der Wohltäter, kundiger Arzt
‎‏לרבים פו״מ דמדינת קלוניא‏‎ Allen, Vorsteher und Leiter der Landjudenschaft Kölns
‎‏ה״ה כהר״ר משה בן כ״ה אברהם‏‎ es ist der ehrenwerte Meister Herr Mosche Sohn des ehrenwerten Herrn Awraham
‎‏נייאוויט סג״ל מבונא נפטר ביום‏‎ 5 Neuwied SeGaL aus Bonn, verschieden am Tag
‎‏ה׳ ונקבר למחרתו כ״ף אלול‏‎ 5 und begraben am Tag darauf, Vorabend des heiligen Schabbat, zwanzigsten Elul
‎‏תקס״ב לפ״ק תנצב״ה‏‎ 562 nach kleiner Zählung. Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens

Kommentar

Datierung Gestorben Donnerstag, 16.9.1802 ; begraben am nächsten Tag
Im biblischen Sprachgebrauch auch "Fürst", "Vornehmer"
bSan 5a

Beschreibung

Maße 44x56x10 cm
Steinform Gedrungener Grabstein
oberer Abschluss Karniesbogen
Beschreibung Querrechteckige Stele mit geschweiftem flachbogigem Abschluß. Fortgeschrittene Verwitterung.
Schrift vertieft

Zur Person

Dr. Moses Wolff stammte aus Neuwied, wo die Familie seit etwa 1685 ansässig war. Seine Eltern sind in Neuwied begraben. Der Vater Abraham Halevi starb am 5. 10.1750 (Neuwied Grab 183), die Mutter, Gutrat Tochter von Josel Wallich aus Bonn (bns-4032), starb am 28.2.1759 (Neuwied Grab 181).
Moses Wolff besuchte das Jesuitengymnasium in Koblenz und das Gymnasium in Moers, studierte ab 1733 Medizin an der Universität Duisburg, dann in Halle, wo er am 5.10.1737 promoviert wurde (Schwarzschild S. 261). 1740 ließ er sich als Arzt in Bonn nieder und erhielt am 10.10.1741 das Geleit (ebd. S. 267). 1746(?) heiratete er Sara Meyer (bns-3112) (Schulte, S. 531, Anm. 1) Tochter von Dr. Daniel Meyer (vgl. C1, 11). Seine Praxis florierte; er zählte bald zu den wohlhabendsten Bürgern der Stadt. Noch vor 1764 hatte er das Privileg, außerhalb der Judengasse wohnen zu dürfen (Schulte S. 577 Anm. 2). 1790 wurde er Mitglied der Lesegesellschaft (Schulte S. 589).
Schon Kurfürst Clemens August ernannte ihn zum Leibarzt; unter den Nachfolgern behielt er diese Funktion (Schwarzschild S. 268).
Papst Benedikt XIV. nannte Wolff die einzige "personne de tete" am Bonner Hof (Schnee S. 53). Einer Erzählung nach suchte Papst Clemens XIII. 1768 Heilung von einem hartnäckigen Augenleiden. Kurfürst Max Friedrich empfahl ihm Dr. Wolff zu konsultieren. Der judenfeindliche Papst wies das Ansinnen zurück, rief Wolff dann 1768 aber doch nach Rom. Nur mußten Arzt und Patient durch eine Glasscheibe voneinander getrennt bleiben. Der Papst genas jedenfalls von seinem Leiden (Schwarzschild S. 269). Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählung ist umstritten. Während Kober sie als historisch unhaltbar ansieht (Kober, Doctoren S. 211 ff.), suchen S. und H. Schwarzschild nun Beweise für ihre Richtigkeit zu erbringen (Schwarzschild S. 269 ff.).
Wolff wirkte viele Jahre im Vorstand der kurkölnischen Juden, auch als Vorsteher. Die Bonner Gemeinde unterstützte er durch zahlreiche wohltätige Stiftungen. Als bei der Flutkatastrophe von. J 784 auch die Judengasse unter Wasser stand, zeichnete Wolff sich durch aufopfernde Hilfe aus. Da sein Haus außerhalb der Judengasse lag, retteten sich viele der Gemeindemitglieder dorthin. Simon Copenhagen (bns-4020) rühmt die Gastfreundschaft im Hause Wolffs (Copenhagen, Bechi Neharot S. 11 a).
Moses Wolff zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Bonner Gemeinde und darüberhinaus zu den interessantesten jüdischen Gestalten der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Aus den zahlreich erhaltenen Quellen (s. Schulte und den Versuch von S. und H. Schwarzschild) ließe sich ein farbiges und kontrastreiches Bild zeichnen, zu dessen wesentlichen Elementen die Verbindung von traditioneller und "aufgeklärter" Frömmigkeit, professioneller mit "volkstümlicher" Medizin, die Tätigkeit sowohl als Leibarzt wie auch als Hoffaktor und -bankier, sowie die vom Reichtum mit unübertrefflicher Wohltätigkeit zählen. Dem Memorbuch gehen die Worte aus, wenn es die "nie übertroffene" Großzügigkeit seiner Wohltätigkeit, noch über den Tod hinaus, zu beschreiben sucht. Dem entspricht die Abfolge seiner knappen Eulogie. Voransteht: Der Erste der Wohltäter und Mäzene, zweitens: der Arzt für alle, drittens schließlich: der Vorsteher und Leiter in der Gemeinde. Wolffs Einfluß in der Gemeinde und der Landjudenschaft, verstärkt durch die entsprechende Stellung seiner Brüder wie auch das langjährige sowohl assistierende als selbständige medizinisch-praktische Wirken seiner Frau, die Erziehung seiner Kinder (vgl. zu seinem Sohn Samuel, gest. 1836), Reichtum, Bildung, sein Erfolg und damit der selbstverständliche Umgang mit den "Großen der Welt", machen ihn zu einer kulturgeschichtlich anziehenden und wichtigen Figur, wenn ein tieferes Verständnis der Anfänge der Aufklärung und der Emanzipation im deutschen Judentum angestrebt wird.
Ein weiterer Sohn war Abraham Wolff, geb. 1773 in Bonn, welcher ab 1799 an der medizinischen Fakultät der Uni Erfurt studierte, wo er 1804 promovierte. Im gleichen Jahr ließ er sich als Abram Wolff, Dr. der Medizin u. Chirurg, in Koblenz Am Plan 7 nieder (Adressbuch 1804, S. 83, 137), wo er mehrere Jahre (bis etwa 1806/07?) praktizierte. Er war zuletzt kgl. preuß. Kreisphysikus (Kreis St. Goar) und Distriktarzt in Bacharach, wo er am 24.3.1839 starb. Verheiratet war er in erster Ehe mit Henriette Kirchberg(er) aus Ehrenbreitstein und nach ihrem Tod 1816 mit Sophie Schön Levy aus Gotha.

Zur Familie

Gattin: Särche Tochter von Gedalja Rofe KaZ (bns-3112)
Kinder: Schmuel (bns-4050); Brendle Gattin von Herz Kleve Gompertz (bns-3115)
Enkelin: Schönche (erste) Gattin von Wolff (Dr. Jacob Wolff) Rofe (bns-3113)
Bruder: Elieser genannt Liber (bns-4008)

Quellen / Sekundärliteratur

MBB 20b
Psta Brühl Bonn Sterbe 66R/X
Moises Wolff, Doctor, 87 J., geb. zu Neuwied, gest. 29. Fructidorx (16. 9. 1802) Mittags 1 Uhr.
Copenhagen, Bechi Neharot S. 11a
Steven u. Henry Schwarzschild, Two Lives in the Jewish Frühaufklärung. Raphael Levi Hannover and Moses Abraham Wolff, in: Leo Baeck Institute Yearbook 29 (1984), S. 259-276 (mit weiteren Literaturangaben)
Komorowski, S. 44, 85, 127
Schnee, Hoffinanz S. 53 f. (teilweise Kober entnommen)
Kober, Duisburg S. 122 ff.
Kober, Doctoren S. 211 f. u. S. 2341. (Eintrag aus dem Bonner Memorbuch, hebr.)
Thill, Schicksale jüdischer Koblenzer, S. 198, 209.
Schulte S. 57ff., S. 526, AAB, S. 527, 4, 530, A, 531, 1 (aus dem Testament); S. 533, 3 (Wolff) Brisch 11 S. 134; S. 537f. (Henriette Kirchberg)

Fotografien

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Andreas Hemstege

heutiges Foto
1989-90
recto
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(letzte Änderungen - 2013-01-22 15:19)

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