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Bonn-Schwarzrheindorf 416 inscriptions (1623-1956)

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Name

Schabtai ben David [10.08.1623]          

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Edition und Übersetzung

‎‏שכני עפר‏‎ Bewohner des Staubes
‎‏י[קי]צו במהרה אמן לפ״ק‏‎ mögen sie erwachen in Bälde, Amen, nach kleiner Zählung.
‎‏פה נטמן [גבר] מהימן ׃ דרדע‏‎ Hier ist geborgen ein vertrauenswürdiger Mann, Darda
‎‏והימן ׃ האלוף הר״ר שבתי בר‏‎ und Heiman, der Vornehme, der Meister Herr Schabtai Sohn des
‎‏דוד פרנס ורועה נאמן ׃ שמו‏‎ 5 David, Vorsteher und treuer Hirte, sein Name
‎‏טוב משמן ׃ רזי תורה אתו‏‎ besser als Salböl, Geheimnisse der Tora bei ihm
‎‏מוכמן ׃ בצרכי צבור עסק‏‎ bewahrt·, mit den Anliegen der Gemeinde beschäftigt
‎‏כאומן ׃ וארוחתו תמיד‏‎ fürsorglich, zum Gastmahl stets
‎‏זימן ׃ בעון הדור נתפס‏‎ ladend, um des Frevels des Zeitalters willen ward er ergriffen
‎‏ולמעלה נזדמן ׃ הלך לעולם‏‎ 10 und zur Höhe geladen; er ging hin in die verborgene
‎‏הטמון ׃ יום ה׳ י״ד נחמן ׃ ת‏‎ Welt am Tag 5, 14. des Trösters, ·seine
‎‏נצב״ה ׃ ולכסא נורא מזומן‏‎ Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens und vor den ehrfurchtbaren Thron geladen,
‎‏שוכן בטל תחי יה אמן‏‎ Wohnender im Tau belebe Du (ihn), Jah! Amen
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Kommentar

Datierung Gestorben Donnerstag, 10.08.1623


Die ersten Buchstaben der zweiten Zeile fehlen heute, so daß das Todesjahr nicht mit letzter Sicherheit berechnet werden kann. Da aber bei den vollständig erhaltenen Worten des Chronostichs jeweils nur der erste Buchstabe markiert ist, dürfte auch bei dem beschädigten Wort der erste Buchstabe gekennzeichnet gewesen sein. Als Todesjahr ergibt sich so 383, d.i. 1623. Auch fiel in jenem Jahr der 14. Aw auf einen Donnerstag, was bei der in Anm. 1 diskutierten Alternative nicht der Fall ist.
Der Stein für den Vorsteher Schabtai verdient besondere Aufmerksamkeit. Er ist das erste (datiert erhaltene) Mal dieser Begräbnisstätte und viel spricht dafür, es nicht nur als den nach über dreieinhalb Jahrhunderten de facto ältesten Stein zu sehen, sondern auch objektiv als den ersten Grabstein dieses Friedhofs überhaupt zu verstehen. Wir nehmen also nicht an, daß es bereits vor 1623 zahlreiche Bestattungen auf diesem "Guten Ort" gegeben hat, sondern daß das Mal für Schabtai bar David auch den bewußt für den ganzen Friedhof gesetzten Anfang markieren sollte, (was nicht ausschließt, daß hier zuvor schon einige Bestattungen stattgefunden haben können). Das äußerlich wie inhaltlich aufwendige Grabzeichen für ein führendes Mitglied der damals noch sehr kleinen Gemeinde aber bot die Gelegenheit, der Stätte insgesamt einen prägenden Akzent zu geben, indem man diesen individuellen Tod mit der Hoffnung auf die baldige -"bimhera" -Überwindung des Todes Aller in der endzeitlichen Auferweckung verband.
Mit wenigen Ausnahmen (z. B. C2, 82 von 1656) ist es in Schwarzrheindorf nicht üblich, das Jahresdatum als "Überschrift" zu geben. In dieser Form erhält hier das Chronostichon, ein leicht abgewandeltes Zitat aus Jes 26,19a bzw. Dan 12,2,einen stark appellativen Charakter, den Ausdruck des Wunsches und der Zuversicht auf die Auferweckung im Tau all derer, die im Staube schlafen. Dies wird doppelt bekräftigt durch das "Amen", das zu Beginn und zum Schluß den Kreis vom Schlafen zum Erwecktwerden, vom Staub des Todes zum Tau der Auferweckung schließt und zudem auf die auch visuell gut durchdachte Komposition der Inschrift hinweist. Das erste Amen ist keineswegs aus datumstechnischen Gründen wichtig, etwa um den evtl. fehlenden Zählbuchstaben für die Zahl 1 zu stellen (das hätte ebensogut durch das in Daniel 12,2 vorhandene zusätzliche Wort admat-Erde geschehen können), vielmehr macht dieses Amen, zusammen mit dem im Gebet so häufigen "bimhera"-in Bälde-, den Satz zu Segenswunsch und Gebet. Damit wird über die Datumsangabe eines einzelnen Todes hinweg das erwartete Leben aller im Staub Schlafenden angesprochen. Die Verwendung der Anfangsbuchstaben als Zahlwerte tritt dahinter zurück und bleibt doch unübersehbar und jedem verständlich, der die Inschrift nur zu lesen vermag. Zwischen dem ersten und dem letzten Amen wiederholt sich zwölfmal der Reim auf die Konsonanten mon.Lautes Lesen des Textes läßt zwar die unterschiedliche Vokalisation dieser Endungen hörbar werden, der visuelle Eindruck hingegen ist einheitlich. Inhaltlich ist ein hoher Ton angeschlagen, so daß der Text erhaben, nachgerade feierlich wirkt. Der formale Zwang von durchgehender Reimung und Akrostichon führt dabei jedoch nicht zu einem manierierten Ergebnis.
Die Inschrift kann hier nicht unter allen Aspekten besprochen werden. Auf ein besonders interessantes Element sei aber ausführlicher hingewiesen: Die hier gedruckte Übersetzung von Zeile 13 läßt nicht erkennen, daß sich im hebräischen Original ein Rätsel verbirgt, das nicht leicht zu lösen ist und einiges Kopfzerbrechen verursacht. Der hebräische Text von Zeile 13 macht insgesamt keinen rechten Sinn: ".. vor den ehrfurchtbaren Thron geladen, schochen betal/batel techi jah, amen"? Oder: ... schochen batel/betal techajje, amen? -die einzelnen Lexeme und Formen fügen sich nicht stimmig zusammen und schließen nicht gut an das vorangegangene an.
Man ist versucht, den Grund dieses Mangels in dem Zwang zu sehen, das Akrostichon des bereits unmißverständlich genannten Namens SchaBTal in einem knappen Schlußsatz nach dem Segenswunsch des tnzbh unterbringen zu müssen. Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf, daß die für den Namen Schabtai markierter Anfangsbuchstaben mit jeweils zwei schräg übereinander versetzten Punkten gekennzeichnet sind. Dies wäre völlig unnötig,ginge es nur darum, den Namen des Bestatteten akrostichisch erkennbar zu machen und noch einmal hervorzuheben. Diese Verdoppelung der Markierungen ist in Schwarzrheindorf einmalig und dürfte auch sonst äußerst selten vorkommen. Es scheint nun, als läge die Lösung des Rätsels in einer durch die jeweils zwei Punkte angedeuteten doppelten Funktion der einzelnen Worte.
Sie sind zweimal zu lesen, unterschiedlich vokalisiert und miteinander verbunden, damit sich ihr Sinn ganz erschließt. Das hier den Anfang des Textes wiederaufnehmende Partizip schochen, Weilender, Wohnender, kann auf Weisen mit dem folgenden btl, müßig bzw. im (mit) Tau, verbunden werden: schochen batel-müßig Weilender - und würde damit auf den Verstorbenen bezogen sein schochen betal-Wohnender im Tau, d.h. auf Gott bezogen. Beides ist nicht sogleich einleuchtend bzw. überzeugend, und zwar, weil schochen wohl in verschiedenen Verbindungen von Gott gesagt worden ist, nicht jedoch von ihm als Tau Wohnenden gesprochen wird; schochen batei, müßig Weilender, hingegen ist eine etwas prosaische Wendung verglichen mit den biblischen schochnej afar, den im Staube Schlafenden der ersten Zeile. Man lese darum das Anfangswort von Zeile 13, schochen, nur einmal, als den Anfang und weil es durch seine Schreibweise und den Kontext eindeutig festgelegt ist und daher, im Gegensatz zu den folgenden Wörtern, nicht in zwei verschiedenen Bedeutungen gelesen werden kann. Es läßt sich zwar sowohl mit betal-müßig als mit betal-im Tau verbinden und man muß mit einer der beiden Verbindungen beginnen. Um aber das zweite Wort btl im Kontext sinnvoll zweifach lesen zu können, empfiehlt sich, es zunächst als batel-müßig und dann als betal-mit Tau zu nehmen. Also: schochen, erste Lesung btl: als batel, "den müßig Weilenden" -zweite Lesung btl: als betal, "mit Tau", erste Lesung von tchj und jh: als betal techijjah -"mit dem Tau der Auferstehung", zweite, Lesung von tchjjh: als techajjeh -"wirst du beleben", dritte, und separate Lesung des vom vorigen abgetrennt geschrieben jh: "Jah"! -"Jah", als Anrufung des göttlichen Namens excellence: "Du, Ew'ger"! Dies zusammengenommen gibt also die Anrufung: "Den müßig Weilenden wirst (oder: mögest) Du mit dem Tau der Auferstehung beleben, Jah! Amen". Die Übersetzung von Zeilen 12 und 13 muß etwa so lauten: ".. und, vor den ehrfurchtbaren Thron geladen laden, mögest Du den müßig Weilenden im Tau der Auferstehung beleben, Jah! Amen."
Gewiß ist dies nicht mit letzter Sicherheit zu vertreten, doch hat es Reiz, das Rätsel so zu lösen. Der Satz ergibt einen guten und passenden Sinn, sieht man nur von der vielleicht etwas fragwürdigen Verbindung, schochen batel-müßig Weilender, ab.
Die Inschrift zeigt eine wohldurchdachte Komposition, mit einer geschickten Wiederaufnahme ihres Beginns am Schluß. Es ist ein Text, der bedeutenden mittelalterlichen Vorbildern, besonders Stiftungs- und Gedächtnisinschriften (weniger aber Grabinschriften!) in ihrer oft zyklischen Form und ihrem Enden auf einem den Leser ansprechenden und zum Sprechen bringen wollenden bekräftigenden "Amen" würdig ist.
Wunsch und Zuversicht der ersten Zeile -die Markierung der Zeit -gelten für Alle; die direkte Anrufung der letzten Zeile -die Markierung des Eigennamens -gilt für diesen Einen. An dieser besonderen Nutzung des Jahresdatums und des Namens auf diesem Grabstein legitimiert sich unsere Auffassung von der Funktion dieses Grabmals als Markierung des Beginns des Begräbnisplatzes der Bonner nachmittelalterlichen Gemeinde -unmittelbar nachdem die von der rechten Rheinseite in unmittelbarer Nähe unsereres Geländes ausgehende Bedrohung Bonns durch die niederländische Festung "Pfaffenmütz" beseitigt worden war.
ist identisch mit dem Bonner Salomon, der nach den Kurkölner Hofratsprotokollen zwischen dem 8. Juni und dem 16. August 1623 verstarb, was das aus der Grabinschrift erschlossene Todesdatum 10. August 1623 bestätigt. Als Gatte der Richmudt war er der Schwiegersohn des Hofjuden Levi von Bonn, der 1598 von Kurfürst Ernst von Köln zum Aufseher über die Kurkölner Juden eingesetzt worden war und in dieser Funktion bis Anfang 1621 nachweislich tätig war.
Schabtai alias Salomon hinterließ mindestens drei Kinder: Täubchen Salomons (1664, C2, 114 Täubchen Tochter von Schabtai), David Salomons (1673, C3, 48, David Sohn von Schabtai) und Heimann Salomons (vermutlich erwähnt 1656 C2, 82 Jütchen Tochter von Mosche, Gattin von Chaim Bonn); vielleicht war er auch der Vater Levi Salomons, der bis 1662 eine Zeitlang als Vorgänger der Juden im Herzogtum Westfalen amtierte.
Salomons Witwe Richmudt heiratete - vermutlich in den 20er Jahren - Lazarus Wallich, der später mindestens zwei Jahrzehnte als Vorgänger der erzstiftischen Juden bis zu seinem Tod 1658 fungierte. Aus Richmudts zweiter Ehe mit Lazarus gingen die Kinder Michael und Nathan Wallich, vermutlich auch Jakob Wallich, Vater des Josef Wallich (bns-3132), hervor.
Zl 2: Möglich zu ergänzen wäre auch: "Möget ihr erwachen...", wodurch sich das beschädigte Chronostich statt der Jahreszahl 383 um fünf Jahre auf 378, d.i. 1618, verringern würde. Siehe Jes 26,19: "Erwachet und jubelt, die ihr ruhet im Staube ..."; doch paßt dieses Jahr nicht zu Wochen- und Monatstag. Vgl. auch Dan 12, 2 und die zweite Bedendiktion des "Achtzehn-Gebets".
Zl 6: Koh 7,1.
Zl 7: Vgl. den Pijut "Ansicha malki" des Elasar ha-Kallir, im Mussafgebet für den ersten Neujahrstag, gegen Ende.
Zln 8b/9a: Vgl. 2Kön 35,30; hier aber aktivisch gemeint.
Zl 9b: bShab 33b - eine im Talmud nicht seltene Auffassung, daß ein Gerechter für die Sünden seines Zeitalters stirbt. Auf Grabinschriften ein Hinweis darauf, daß der Verstorbene "in der Blüte seiner Tage" starb.
Zl 11: Ein anderer, euphemistischer Name für den Monat Aw. Die Form "Nachaman" ist aber sehr viel seltener als "Menachem" und hier um des Reimes willen gebraucht.
Zl 12: Vgl. Anm. 4. Es ist interessant, einige Wendungen unserer Inschrift in jenem großen Pijut aus dem 6./.7. Jhdt. zu finden, die mit ihrem Reim auf -man (!) möglicherweise den Verfasser der Inschrift angeregt haben könnten; in jedem Fall sei dies ein Hinweis auf die zahlreichen sozusagen frei schwebenden Elemente der klassischen liturgischen Dichtung, die sich für eine formal und inhaltlich anspruchsvolle epigraphische Komposition anboten und mit denen man wohlvertraut war.·
Zl 13: Akrostichon: SCHaBTAI; siehe wiederum Jes 26,19. (Tau) und vgl. die 2. Benediktion im Morgengebet des 7. Tages von Pessach.

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Stilmittel


Reim Durchgehender Reim auf "-men", "-man" und "-mun" ab Zeile2, hervorgehoben jeweils durch Doppelpunkte danach.
Akrostichon in Zeile 13: ‎‏שבתי‏‎ Schabbtai

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Beschreibung


Maße 104x73x23cm
Material Drachenfelser Trachyt
Steinform Stele
oberer Abschluss dreieckig
Beschreibung Stele mit flachem Dreiecksgiebel als Abschluß. Die hochrechteckige rahmende Rille betont das Inschriftfeld, oberhalb dessen das Todesjahr als Chronostichon gegeben ist. Oben rechts beschädigt; Verwitterungserscheinungen.
Schrift vertieft

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Fotografien

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Andreas Hemstege

heutiges Foto
1989-90
recto
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Zitation der Inschrift

Digitale Edition - Jüdischer Friedhof Bonn-Schwarzrheindorf, bns-5303
URL: http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?id=bns-5303
(last modified - 2013-01-22 15:19)

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