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Bingen 880 inscriptions (1602-1968)

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TEI P5

Projekt

Die Inschriften des Binger Friedhofs wurden in den Jahren 1992 und 1993 im Rahmen eines Pilotprojektes zu Erfassung jüdischer Friedhöfe in Rheinland-Pfalz im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege und Verwaltung der Schlösser, Rheinland-Pfalz erfasst und finanziert von der Kulturstiftung des Landes Rheinland-Pfalz und der Stadt Bingen. Die Projektleitung hatte Michael Brocke, FU Berlin (heute: Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut Duisburg/Essen) inne.

Die online-Stellung der Inschriften des Binger Friedhofs im Jahr 2009 wurde möglich durch finanzielle Förderung des Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

Lage

BINGEN - Friedhof "in den Hisseln", oberhalb der Stadt und des christlichen Friedhofs im Wald; 9327 qm; 16.-20. Jahrhundert; ca. 1000 Steine

Geschichte

Die seit dem 12. Jahrhundert bezeugte Binger jüdische Gemeinde ist möglicherweise noch älter. Sie bestattete zunächst auf dem alten Mainzer Friedhof. Um 1570 wurde ihr ein brachliegendes Gelände hoch über der Stadt als Friedhof überlassen.

Das weitläufige Areal liegt idyllisch am Hang. Im alten Teil stehen rund 610 traditionell anmutende Stelen. Die Gräber wurden teilweise über mehrere Generationen hinweg in Familienzusammenhängen angelegt, so daß die Steine in Gruppen stehen und dicht belegte Flächen mit freien Stücken abwechseln. Der älteste erhaltene Stein gehört dem 1602 gestorbenen Vorsteher Hirz Bingen. Wie eine Reihe weiterer Steine aus dem 17. Jahrhundert erinnert auch sein Stein in Gestaltung und Inschrift an den Frankfurter Friedhof an der Battonnstraße, und tatsächlich stammten einige Binger Juden aus Frankfurt am Main. Herausragend unter den Gelehrten seiner Zeit war R. Juda Mehler (gest. 1659), der Predigtsammlungen und Responsen hinterließ:

Er war Vorsitzender der Gerichtsbarkeit der Gemeinde | mehr als fünfzehn | Jahre lang, doch es siegten | die Engel von oben und nahmen | seine Seele mit dem höchsten Kusse

Zeilen, die auf Motive aus der rabbinischen Literatur anspielen. Vor dem Tod eines Großen in Israel ringen die irdischen Gerechten und die Oberen (die Engel) um ihn, doch schließlich siegen die Oberen und "entführen" den Umkämpften. Die leichteste unter allen Todesarten ist der Kuß, leicht wie man ein Haar aus der Milch zieht; es ist der Tod durch den Mund Gottes, der den Todesengel erspart.

Am westlichen Rand des ursprünglichen Geländes sind auffällig viele Kohanim begraben, doch gab es gewiß kein verbindliches Feld nur für Kohanim, da man in allen Teilen des Friedhofs einzelne Kohen-Grabsteine findet. Im Jahr 1856 konnte der Friedhof erweitert werden, und der ursprüngliche Randbereich liegt nun inmitten des Geländes. Auf dem neuen Teil wurde in chronologischer Folge und in Reihen bestattet, wobei Ehepaare und Familien sich eine gemeinsame Grabstätte reservieren konnten.

Deutschsprachige Zusätze an den hebräischen Inschriften finden sich verblüffend früh, bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Diese Namens- und Datumsangaben in lateinischen Lettern dürften aber zumindest teilweise erst nachträglich eingeritzt worden sein.

Im Jahr 1872 gründete die orthodoxe Minderheit der Binger Gemeinde die "Israelitische Religionsgesellschaft" Diese Austrittsgemeinde unterhielt nun auf dem Friedhof einen deutlich abgetrennten Bereich mit eigenem Eingang. Im Jahr 1925 wurde diese Trennung wieder aufgehoben. In den Inschriften des orthodoxen Teils behält das Hebräische meist den Vorrang, und das Deutsche beschränkt sich oft auf kürzere Angaben zu Namen und Daten. Die Texte der Mehrheitsgemeinde dagegen zeigen teilweise eine Entwicklung hin zum Deutschen, die das Hebräische zunehmend an den Rand drängt. Allerdings beschreiben solche Tendenzen die komplexe Wirklichkeit nur sehr unzureichend, denn auch auf dem Gelände der Mehrheitsgemeinde gibt es sehr ausführliche hebräische Texte. Auch die Grabmale der beiden Gemeinden sind mit ihren historisierenden Formen einander ähnlicher als erwartet, wenn auch beispielsweise Obelisken auf dem orthodoxen Teil nicht vorkommen.

aus: Michael Brocke · Christiane Müller, Haus des Lebens: Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Leipzig 2001, S. 141-143.

Literatur

Grünfeld, Richard: Zur Geschichte der Juden in Bingen a.Rhein. Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge, Bingen 1905.

Strehlen, Martina: "Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bingen und ihres Friedhofs", in: "Ein edler Stein sei sein Baldachin ...". Jüdische Friedhöfe in Rheinland-Pfalz, hrsg. v. Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz, [Mainz] 1996.

Edition

Dan Bondy und Martina Strehlen

Fotografie

Andreas Hemstege

Zitation der digitalen Edition

Digitale Edition - Jüdischer Friedhof Bingen (1602-1968 / 880 Einträge)
URL: http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?id=bng

 

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