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Hamburg-Altona, Königstraße 6072 Inschriften (1621-1871)

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epidat - epigraphische Datenbank

ID hha-1252
Lizenz Creative Commons Attribution-BY 4.0 International Licence [CC BY]
Zitation Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Hamburg-Altona, Königstraße, hha-1252: http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?hha-1252

Name


Noach Chajim Zwi ben Awraham Meir Berlin [07.03.1802]                

Diplomatische Transkription und Übersetzung

‎‏זאת המצבה לכל יקר ראתה עינו אזן וחקר בתוקפו וחסנו‏‎ Dies ist die Stele für alles Kostbare, was sein Auge gesehen, er wog ab und durchforschte mit seiner Tucht und seiner Kraft,
‎‏(היא למעצבה) (אשר מלך עלינו) (דברי חפץ דשנו)‏‎ (- zum Bekümmernis ist sie -) (- des, der über uns herrschte -) (- Worte von Wert sein Fett -)
‎‏ותירושו משמח אלהים ואנשים (ויף בגדלו) ויוכל לו לנוע על עצים גבוהים‏‎ sein Most erfreut Gott und Menschen, und er vermochte (- schön ward er in seiner Grösse -) sich zu wiegen über hohen und starken
‎‏ובצורים נשמים אלמוגים מסעד לבתי ה׳ ושוקדיהם‏‎ Bäumen der Himmel, (von) "Sandelholz", Stütze für Häuser des Ewigen und jene, die sie beständig aufsuchen,
‎‏ארזים יופי ענף יטיפו בשמים בתורתו התמימה‏‎ 5 (von) "Zedern", schön bezweigt, träufeln in "Wohlgerüchen", in seiner lauteren Weisung,
‎‏יראום האדם וחי בהם‏‎ es sehe sie der Mensch und ›lebe in ihnen‹
‎‏ובמעין החכמה‏‎ und in der "Quelle der Weisheit".
‎‏פ״נ‏‎ Hier ist begraben
‎‏איש המופתי על הכרתיועל הפלתי גאון אמתי‏‎ ein Mann, der weit übertraf Krethi und Plethi, ein wahrhaft herausragender Gelehrter,
‎‏כבוד הרב מה״ו נח חיים צבי שהי׳ אב״ד בשלש ק״ק‏‎ 10 der geehrte Rabbiner, unser Lehrer und Meister, Noach Chajim Zwi, Vorsitzender der Gerichtsbarkeit war er in den drei heiligen Gemeinden
‎‏אה״ו בן הנציבי ג״ה מה״ו אברהם מאיר ברלין זצ״ל יצאה‏‎ Altona, Hamburg, Wandsbek, Sohn des Aufgestellten, des Kastenmeisters, unseres Lehrers und Meisters, Awraham Meir Berlin, das Andenken des Gerechten sei zum Segen. Es ging aus
‎‏נשמתו ביום א׳ ונקבר למחרתו ביום ב׳ ד׳ אדר שני תקס״ב לפ״ק‏‎ seine Seele am Tage 1, und er wurde begraben am darauffolgenden (Tag), am Tag 2, dem 4. des Zweiten Adar 562 der kleinen Zählung.
‎‏נהי וקינים בת עמי הרימי קולך כש ··· פר‏‎ Klage und Trauerklang erhebe, Tochter meines Volkes, wie ein Schofar deine Stimme,
‎‏חזק מאוד תריעי ותעערי לאשא הו ···פר‏‎ mächtig stoße ins Horn und laß es erschallen für den, der gebrochen ward,
‎‏חליתך ועדיך הורד תחת פאר א ···פר‏‎ 15 dein Schmuck und dein Geschmeide, heruntergerissen sie, Asche statt Schmuck,
‎‏יוצע לרבים וכן שלמים לאשכל הכ ···פר‏‎ angelegt von vielen und auch Unversehrten ob der Zyperntraube.
‎‏ידיו רב לו להגות ולהורות באמרי ש ···פר‏‎ Seine Hände waren stark zu denken und zu lehren mit schönen Worten,
‎‏מור ואהלות שפתותיו שושנים לאין מס ···פר‏‎ Myrrhe und Aloe seine Lippen, Lilien ohne Zahl,
‎‏צבי צדיק רזי לו לא אנס בספור וס ···פר‏‎ Hirsch, der Gerechte, kein Geheimnis, das ihm unvertraut (wäre) in Zahl und Buch,
‎‏גאון פליטת בית יהודה ושוקל וסו ···פר‏‎ 20 ein Überragender (Gelehrter), dem Rest des Hauses Juda, wägend und zählend,
‎‏תפארת עוזמו יחד נחת על ע ···פר‏‎ der Glanz all seiner Kraft ruhend auf dem Staube,
‎‏אבל יחיד בדורו יעשו לך והתפלש בא ···פר‏‎ eine Trauer, die einzigartig ist in der Generation, bekundet man dir, niedergestreckt in der Asche,
‎‏הישרי׳ בלבותם והמטי׳ עקלקלותם ולארץ יכ ···פר‏‎ die Aufrechten in ihrem Herzen und die sich abwenden von ihren gewundenen Pfaden, und dem Land werde Versöhnung.
‎‏ואתה תנוח בשלום עד ככתוב בס ···פר‏‎ Du ruhst im Frieden bis alsdann, wie im Buch es geschrieben,
‎‏יצו ה׳ להקיץ ולרנן שוכני ע ···פר‏‎ 25 der Ewige gebietet zu erwachen und zu jubeln denen, die im Staube weilen.
‎‏תנצב״ה‏‎ Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens

 

 Zl 6: Lev 18,5

Kommentar

Datierung gestorben Sonntag, 07.03.1802 ; begraben 1 T.
Zl 1: Den roten Zitat-Faden für die ersten beiden Zeilen findet man in der berühmten Jotam-Fabel in Richter 9. ‎‏מלך עלינו‏‎ "Malakh alenu" (herrschte über uns), sozusagen als Überschrift, in Ri 9 mit negativer Konnotation, hier hingegen lobend. Ferner das Attribut des Ölbaums, der nicht herrschen möchte: deschen (Fett). Seine Frucht, sein Fett, mit dem man Gott und Menschen ehrt, ist wertvoller als die Herrschaft - die er ablehnt (Ri 9, 9). Diwre chefez (Worte von Wert) bedeutet nach Raschi: Halacha dem Mosche vom Sinai. Wortspiel ‎‏*‏‎ Stele und ‎‏*‏‎, Betrübnis.
Zl 2: Vgl. Ri 9,13. Tirosch, der Most vom Weinstock. Auch hier steht der Besungene nicht zurück, ist fruchtbar wie der Weinstock. Und trotzdem kann er außerdem das, was all die fruchtbaren, wertvollen Bäume ablehnen - sich zu wiegen über den Bäumen, über den anderen, sprich zu herrschen? Eher Anspielung auf seine Werke, die "Bäume" im Titel tragen. So ist auch das Zitat in der Klammer aus Ez 31,7 zu verstehen.
Zl 3: bazur/bezurim (stark), als Attribut zu ezim. "Sandelholz", Aze almugim, so der Titel eines der drei von R. Noach Zwi Berlin verfaßten und auch veröffentlichten Bücher. Vgl. 1 Kön 10,11f.
Zl 4: "Zedern", Aze arasim, ein weiterer Buchtitel des Verstorbenen. "Schön bezweigt", vgl. Ez 31,3. "Wohlgerüche", Aze besamim, "Duftbäume", ein unveröffentlichtes Werk.
Zl 6: "Quelle der Weisheit", Ma'ajan ha-chokhma, das dritte veröffentlichte Buch.
Zln 3-6: Die Buchtitel in größeren Buchstaben. Der inhaltliche rote Faden dieser ersten sechs Zeilen wird von den vier Büchern des Verstorbenen gebildet (zu denen Duckesz bemerkte, dass R. Noach Zwi Berlin keine Kinder hatte, doch pflanzte er starke "Bäume"), die hier geschickt miteinander in einen eulogisierenden Zusammenhang gebracht werden. Das akrostichische Klagelied kann sich dann ganz der Trauer widmen und wenig nur über die Persönlichkeit selbst sagen, mit seinem visuellen Reim allerdings einen großen optischen Eindruck erzielen.
Zl 12: Harimi qolekh, erhebe deine Stimme, Jes 40,9.
Zl 14: Vgl. Jes 61,3, dort aber pe'er tachat efer, Schmuck statt Asche, hier also dem Kontext entsprechend umgekehrt.
Zln 14/15: Zeilenübergreifendes Zitat aus Ester 4,3: efer juzza la-rabim, Asche, angelegt von vielen (in Ester heißt es: ... saq va-efer juzza la-rabim, in Sack und Asche legten sich viele).
Zl 15: Eschkol ha-kofer, Zyperntraube, Hld 1,14.
Zl 16: Imre schefer, schöne Worte, Gen 49,21.
Zl 17: "Myrrhe und Aloe", Hld 4,14.
Zl 18: Leicht verändertes aramäisches Zitat aus Dan 4,6 ("jemand, der alles weiß").
Zl 19: "Überrest des Hauses Jehuda", 2 Kön 19,30 und Jes 37,31.
Zl 21: Vgl. Jer 6,26, dort wird die "Tochter meines Volkes" angesprochen, die hier schon in Zl 12 als Trägerin der Klage benannt wird.
Zl 22: Vgl. Ps 125,4.5.
Zl 23: Anspielung auf Dan 12,13 durch das tanuach - "du ruhst ... bis alsdann, wie im Buch es geschrieben", nämlich im Buch Daniel: ve-tanuach ve-ta'amod le-goralkha le-qez ha-jamin (und du wirst aufstehen zu deinem Los am Ende der Tage).
Zl 24: Vgl. Jes 26,19 (dort: "erwachet und jubelt, die ihr weilt im Staube").
Zln 12-25: Nach der kunstvollen, "mehrschichtigen" Einführung in das Werk des Verstorbenen in Zln 1-6 und dem eher sachlichen Datenteil in Zln 7-11 - wenngleich ebenfalls des Lobes voll, folgt nun ein hochkomplexes Klagelied. Es bringt ein volles Namensakrostichon einschließlich der Nennung der Dreiergemeinde, an der Noach Chajjim Zwi Berlin allerdings nur wenige Jahre noch tätig war. Sein Inhalt kann den Zwängen des Akrostichons und des Endreimes wegen nicht strikt biographisch oder chronologisch aufgebaut sein, will es auch nicht, sondern strebt einen hohen Ton an, der der Würde und Bedeutung des Gelehrten Ausdruck verleiht: ein ganz "Großer in Israel" ist dahingegangen. Schmuck, Glanz, Wissen und Weisheit, Abwägendes, rationales Gottes- und Weltwissen in der Halacha und auch in der Mystik (Zl 18) sind mit ihm dahingegangen, darum eine einzigartige Trauer, einzig in dieser Generation. Er bzw. sein Tod wird versöhnen das Land, die Aufrechten und die sich von ihren gewundenen Pfaden abwenden - und das Lied schließt mit dem Ausdruck der Auferweckungshoffnung.
Mehrfach Wortspiele auf sefer, sofer, mispar, und natürlich der visuelle Reim, doppelt hervorgehoben in Form "konkreter Poesie".
Diese überaus anspruchsvolle Inschrift könnte von seinem Kollegen und Freund, dem bekannten R. Raphael Kohen, stammen.
Die veröffentlichten Werke:
‎‏עצי אלמוגים‏‎, Aze almugim, Sulzbach 539 (= 1778/79) (Halacha)
‎‏עצי ארזים‏‎, Aze arasim, Fürth 550 (= 1789/90) (Chidduschim, novellae zum Talmud)
‎‏מעין החכמה‏‎, Ma'ajan ha-chokhma, Rödelheim 564 (=1803/04) und erneut Lemberg 1860 (die 613 positiven und negativen Mizwot).
Unveröffentlicht:
‎‏עצי בשמים‏‎, Aze besamim.

Stilmittel

Reim Binnenreim auf -i (für Zwi) in Zln 7/8 und Reim (auch visuell) auf -f(p)er/-far in Zln 12-24.
Akrostichon in Zeilen 12-24 Noach Chajjim Zwi, der überragende Gelehrte, Zierde von Altona, Hamburg und Wandsbek, ihr Fels und Erlöser möge sie schützen.

Beschreibung

Maße 1,520 x 0,850 x 0,190 m
Material Sandstein
Lage Planquadrate EL

Denkmalpflegerische Maßnahmen

2005: 1. Ausrichtung + standsichere Versetzung / ohne Reinigungsmaßnahme. (ausgeführt durch Fa. M. Kulmer)

Quellen / Sekundärliteratur

Grabbuch 253, S 1406; Bezeichnung als Ober- und Landesrabbiner der Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsbek.
shha (JG 73), S. 541, Nr. 5 (getrennte Seite für Rabbiner); darüber weinen wir, unsere Augen tränen, und unserer Augenlieder sind mit voller Wasser über den Tod unseres Herrn, unseres Lehrers und Meisters, des Rabbiners, des überragend großen Gelehrten, Vorsitzender der Gerichtbarkeit und Lehrhaus Leiter der drei heiligen Gemeinden Altona Hamburg und Wandesbek, der Rabbiner R. Noach Chajim Zwi, begraben zu Füßen unseres Herrn, unseres Lehrers und Meisters, des überragend großen Gelehrten, Vorsitzender der Gerichtbarkeit und Lehrhaus Leiter unserer Gemeinde, R. Mosche Rothenburg
Duckesz, Iwoh Lemoschaw, S. 74-77 (H) und XXV (D)
Grunwald, S. 233, Nr. 268

Verborgene Pracht: Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona – Aschkenasische Grabmale, Dresden: 2009, S. 346

Wittkower, J.S.: Agudat perachim, Altona: 1880, S. 293-294, Nr. 20: (Inschrift abgedruckt)

Fotografien

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Bert Sommer

heutiges Foto
2001-10-15
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Historische Aufnahmen [Mikrofilme] © Staatsarchiv Hamburg, Bestand 741-4 Fotoarchiv, Signatur P 2333

heutiges Foto
1942-1944

Zitation der Inschrift

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(letzte Änderungen - 2015-07-21 22:38)

 

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