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Bingen 880 Inschriften (1602-1968)

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ID bng-442
Lizenz Creative Commons Attribution-BY 4.0 International Licence [CC BY]
Zitation Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Bingen, bng-442: http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?bng-442

Name

Koppel ben Josef Mehler (Koppel Mehler Rofe) [11.6.1741]          

Diplomatische Transkription und Übersetzung

‎‏פ״ו הר״ר קאפיל מיל׳ רופא‏‎ Vorsteher und Leiter, der Meister, Herr Koppel Mehler Rofe.
‎‏פה‏‎ Hier
‎‏טמון איש תם וישר‏‎ ist geborgen ein Mann, lauter und aufrecht,
‎‏ורופא מומחה ה״ה פ״ו‏‎ ein kundiger Arzt. Es ist der Vorsteher und Leiter,
‎‏הר״ר קאפיל בה״ר יוסף‏‎ 5 der Meister, Herr Koppel, Sohn des geehrten Herrn Josef
‎‏מילר נפ׳ ליל מוצאי שב׳‏‎ Mehler. Er verschied in der Nacht des Schabbatausgangs
‎‏ונקבר יו׳ א׳ ז״ך סיון תק״א ל׳‏‎ und ward begraben (am) Tag 1, 27. Sivan 501 nach kleiner Zählung.
‎‏תנצב״ה‏‎ Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens

Kommentar

Datierung Gestorben Sonntag, 11.6.1741
Anstelle einer ausführlichen Eulogie wurde Koppels Leben und sein Wirken durch seine Titel be-schrieben. Er war rofg mumchg, fachkundiger Arzt, die hebräische Bezeichnung für einen promovierten Mediziner. Dieser Beruf war unter Juden am Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jh. zwar verbreitet, aber noch nicht die Promotion.
Sein Titel parnas u-manhig, Vorsteher und Leiter, deutet auf seine führende Rolle in der Gemeinde. Zu den Aufgaben eines Vorstehers um jene Zeit gehörte auch die ständige Fürsprache bei der Herrschaft, um die hohe Steuerlast zu mindern, eine Aufgabe, die die Gemeinde den Fähigsten anvertraute.
Vgl. den knappen Text hier mit dem für den berühmten Arzt und Vorsteher Moses Wolff in Bonn (bns-3114 von 1802). Vgl. auch die ausführliche Eulogie für Koppels Schwiegersohn, dem Arzt Mosche KaZ (Nr. bng-0440 1758).
Die ungenaue Angabe Grünfelds, Koppel sei 1720 gestorben, wurde von allen Verfassern, die sich Koppel Mehlers annahmen, übernommen. Dank der Auffindung dieses Grabmals kann diese Angabe korrigiert werden.
Die Gestaltung der Inschrift ist gelungen, die Buchstaben sind gut bearbeitet. Zl 1 mit Namen und Titel ist dem Bogenverlauf angepaßt. Zl 2 und die Schlußzeile sind mittig angebracht.
Zl 7: vgl. Zeilenkommentar bei Nr. 506, Zl 7.

Beschreibung

Maße 65 x 10,5 cm
Material Sandstein
Beschreibung Stele mit geschweift rundbogigem Abschluß und seitlich scharriertem Rahmen. Zl 1 ist dem Bogenverlauf angepaßt, Zln 2 und 8 sind mittig angebracht.
Abkürzungszeichen Punkt.
Zustand weitgehend gut erhalten.

Zur Person

Koppel hatte einen Sohn Jehuda, der 1735 in Duisburg seine Dissertation schrieb und ebenfalls in Bingen als Arzt praktizierte. Die "bibelversierte Tochter, Treitel, die ein Glückwunschgedicht anläßlich der Dissertation ihres Bruders verfaßte", war höchst wahrscheinlich ein Sohn, s. Kommentar zu Nr. 499.
Koppel wurde nach 1658 in Bingen geboren (sein Großvater und Namensgeber starb 1658 in Frankfurt a.M.). Er studierte Medizin in Padua und promovierte dort 1695. Sein Doktordiplom mit einem Porträt sind erhalten und wurden von Schwarz und Friedenwald abgebildet und beschrieben. Nach der Promotion kehrte er nach Bingen zurück, wo er als Arzt wirkte. Wann er zum Vorsteher wurde, ist ebenfalls unbekannt, doch er hatte Anfang des 18. Jh. eine führende Rolle in der Gemeinde (Grünfeld, S. 21). Koppel trat auch als Mäzen auf und förderte Juspa Kossmann Essen, den Schwiegersohn seines Bruders, bei der Herausgabe seines Werkes Nohag ke-zon Joseph, das 1718 in Hanau erschien. Er starb 1741, etwa 70jährig.
Koppel Mehlers Lebensweg unterschied sich von dem der anderen Angehörigen seiner Familie. Weshalb er sich für das Studium der Medizin entschied, ist uns unbekannt. Die dazu nötige Vorbildung konnte privat oder auf einem Gymnasium erworben werden. Diese Aneignung von "allgemeiner" Bildung und universitärem Fachwissen war in der zweiten Hälfte des 17. Jh. für Juden noch selten und möglich und für den Angehörigen eines Rabbinergeschlechts nicht ganz selbstverständlich. Die Selbstverständlichkeit aber von Bildung und Studium der Lehre machte es andererseits leichter, die Schwierigkeiten, die die Mehrheitsgesellschaft den Juden bereitete, zu überwinden.
Die Eulogie für den Arzt Koppel Mehler besteht allein aus dem bekannten Ijob-Zitat: "Ein Mann, lauter und aufrecht". Auch vom Erzvater Jakob wurde gesagt, daß er lauter war (Genesis 25,27), was dem Verfasser dieser Inschrift gewiß bekannt war. Damit war eine Anspielung auf dem Namen des Verstorbenen gegeben, denn Koppel ist ein Alltagsname für Jakob.

Zur Familie

Gattin: Sara Rösche, Tochter von Menke Bingen, gest. 1713 (Nr. bng-0418)
Vater: Josef Mehler, gest. 1676 (Nr. bng-0268)
Tochter: Sara Hindle, Gattin von Mosche Rofe, gest. 1754 (Nr. bng-0441)
Schwester: Breinle, Gattin von Wolf, gest. 1733? (Nr. bng-0205)
Großvater: R. Juda Mehler I, gest. 1659 (Nr. bng-0221)
Eine weitere Tochter, Hechli, Gattin von Elieser, starb am 22.11.1740 (nicht wie bei Kober 1741) in Worms.

Quellen / Sekundärliteratur

den Angehörigen in Bonn, insbesondere zu seinem 1751 verstorbenen Bruder, R. Juda Mehler II, s. Brocke/Bondy, Der alte jüdische Friedhof Bonn-Schwarzrheindorf, Köln 1995
Berliner, Abraham (Hrsg.), Sefer haskarat neschamot kehilat Wormaisa, in: Kowez al-Jad 3. Jg. (1886), S. 40
Eschelbacher J., Die Anfänge allgemeiner Bildung unter den deutschen Juden vor Mendelssohn, in: Festschrift zum siebzigsten Geburtstage Martin Philippsons, Leipzig 1916, S. 169, Anm. 1
Friedenwald, The Diploma of a Jewish Graduate of Medicine of the university of Padua, 1695. In: Annals of Medical History. N.S. 1 (1929). S. 634-639
Grünfeld, S. 8, Anm. 4, S. 21, S. 37, Anm. 2
Kober, Rheinische Judendoctoren vornehmlich des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Festschrift zum 75jährigen bestehen des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenkelscher Stiftung, Band II, Breslau 1929, S. 194, S. 235
Manfred Komorowski, Bio-bibliographisches Verzeichnis jüdischer Doctoren im 17. und 18. Jahrhundert, München, London, New York, Paris 1991, S. 86
Schwarz, Ignaz, Das Diplom eines jüdischen Arztes aus dem Jahre 1695, in: Archiv für jüdische Familienforschung, Wien 1913, I. Jg., Nr. 2 u. 3, S. 17

Fotografien

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Andreas Hemstege

heutiges Foto
1992
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Zitation der Inschrift

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(letzte Änderungen - 2013-07-27 11:17)

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