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Bingen 880 inscriptions (1602-1968)

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epidat - epigraphische Datenbank

ID bng-221
Lizenz Creative Commons Attribution-BY 4.0 International Licence [CC BY]
Zitation Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Bingen, bng-221: http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?bng-221

Name

R. Juda Mehler [30.6.1659]          

Diplomatische Transkription und Übersetzung

‎‏הגאון האב״ד מהר״ר יודא מליר זצ״ל יום ב׳ ט׳ תמוז תי״ט לפ״ק‏‎ Der überragende Gelehrte, Vorsitzender der Gerichtsbarkeit, unser Lehrer, der Meister, Herr Juda Mehler, das Andenken des Gerechten sei zum Segen, Tag 2, 9. Tammus 419 nach kleiner Zählung.
‎‏יהודא‏‎ Jehuda
‎‏עלה למעלה‏‎ stieg auf nach Oben
‎‏בתוך ד״ת ותפילה‏‎ unter Worten der Lehre und des Gebets,
‎‏היה אב״ד הקהילה‏‎ 5 er war Vorsitzender der Gerichtsbarkeit der Gemeinde
‎‏יותר מחמש עשרה‏‎ mehr als fünfzehn
‎‏שנה ומעלה ונצחו‏‎ Jahre lang, (doch) es siegten
‎‏מלאכי מעלה ולקחו‏‎ die Engel von oben und nahmen
‎‏נשמתו בנשיקה מעולה‏‎ seine Seele mit dem höchsten Kusse
‎‏ביו׳ ב׳ ט׳ תמוז בלילה‏‎ 10 am Tag 2, dem 9. Tammus während der Nacht.
‎‏נשמתו ישק״ט צב״ה ס׳‏‎ Seine Seele wird ruhen im Bündel des Lebens, sela,
‎‏לפ״ק‏‎ nach kleiner Zählung

Kommentar

Datierung Gestorben Montag, 30.6.1659
Zl 4: Gemeint ist nicht nur, daß Mehler während des Gebets oder des Torastudiums starb. Es ist vielmehr eine konkrete Mitteilung, die aber erst aus anderen Quellen verständlich wird. Mehler bereitete nämlich die Drucklegung seines Werkes Schewut jehuda, "Die Rückkehr Jehudas" vor und starb kurz vor der Vollendung.
Zl 7b-8a: vgl. bKet 104a, im Klagelied des Bar Kafra über den Tod von Rabbi (Jehuda Hanassi). Dort wird der Tod als der Kampf umschrieben, den die Gerechten mit den Engeln um das irdische Dasein eines großen Gerechten führen. Die Engel siegen aber, und tragen den Gerechten in den Himmel. Hier wird die Kenntnis dieser Talmudstelle beim Leser vorausgesetzt, so daß die Inschrift uns nur das "Ergebnis" dieses Kampfes mitteilt.
Zl 8b-9: vgl. bBer 8a und bBB 17a; der "Tod mit dem höchsten Kusse", ist der "leichteste" Tod, weil er nach einer "Berührung" Gottes und nicht, wie sonst, durch den Todesengel erfolgt. Dieser Tod gilt als ein Lohn für große Gerechte. Nach der Überlieferung starben Moses und seine Schwester Mirjam diesen Tod.
Zl 11: Die übliche Schlußformel: "Seine/Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens" wurde hier verändert um ein Chronostichon zu bilden, das das Todesjahr wiedergibt. Die Addition der Zahlenwerte des Wortes JiSchKoT, er ruhe, ergibt die Jahreszahl 419, d.i. 1659 der gewöhnlichen Zeitrechnung.

Stilmittel

Reim Die Eulogie ist durgehend auf "-la" gereimt, in der jüdisch-deutschen Aussprache auf "-lo". Vielleicht wurde die Entscheidung für diese Endung von dem Klang des Namens Mehler beinflußt. (Maler, Malo ausgesprochen?)

Beschreibung

Maße 62 x 19 cm
Material Sandstein
Beschreibung Stele mit Dreiecksabschluß. Eingetieftes Schriftfeld mit einem rundbogigem Abschluß. Der Rahmen ist ebenfalls beschriftet.
Zustand leichte Schäden in Zln 2 und 9, sonst gut erhalten.

Zur Person

Juda Mehler Reutlingen wurde um 1609 in Fulda geboren. Seine Jugend verbrachte er mit dem Studium der Tora und der rabbinischen Schriften. 1629 kam er nach Wenings/Oberhessen und heiratete im gleichen Jahr Rechlen, Tochter von Jakob Rebitz. Die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges zwangen ihn, mehrmals seinen Wohnsitz zu wechseln. 1644 nahm er die Anstellung als Rabbiner in Bingen an und übersiedelte dorthin mit Frau und Sohn Josef. In den folgenden Jahren boten ihm auch die Gemeinden in Koblenz, Mainz, Kreuznach und Hammelburg das Amt des Oberrabbiners an. Mehler lehnte diese Angebote ab und blieb bis zu seinem Tod 1659 in Bingen. Seine Bekanntheit über Bingen hinaus mag ein Eintrag für ihn im Klever Memorbuch bezeugen.
Juda Mehler hinterließ einige Handschriften, aus denen wir über sein Leben und Wirken erfahren.
Im Vorwort zu seiner Predigtensammlung Schewut jehuda, "Die Rückkehr Jehudas", beschreibt er ausführlich seine Erlebnisse während des Dreißigjährigen Krieges und der Zeit danach.
Die Predigtensammlung selbst zeigt seine Kenntnisse auf agaddischem Gebiet, volkstümliche Klarheit in der Auslegung und sein Eingehen auf die realen Verhältnisse des Lebens (Bloch, S. 124).
Eine andere Handschrift enthält eine Responsensammlung.
Mehler beschäftigte sich auch mit der Kabbala, wovon seine Abschriften kabbalistischer Werke zeugen, aber auch mit Mathematik, wie aus seiner Abschrift von Sefer ha-zifra, "Das Buch der Ziffer" hervorgeht.
Ein weiteres Werk, das Mehler seinem Sohn Josef widmete, trägt den Titel Ewronot (Staatsbibl. Preußischer Kulturbesitz, Ms.or. oct. 3150). Darin behandelt er verschiedene Fragen des jüdischen Kalenders, verbunden mit praktischen Anweisungen, u.a. zur Berechnung der Schaltjahre, Nennung der christlichen mit den entsprechenden jüdischen Monatsnamen, sowie Angaben über Orte und Zeitpunkt der zahlreichen Markttage.

Zur Familie

Gattin: Rechle, Tochter von Jaakow, gestorben 04.02.1674 in Hanau
Sohn: Josef Mehler (Nr. bng-0268).
Enkel: Der Arzt Koppel Mehler (Nr. bng-0442)
Ururenkel: R. Gumprich Mehler (Nr. bng-0880)
Enkel: R. Juda Mehler II, gestorben 1751 in Bonn (bns-4055)

Quellen / Sekundärliteratur

Grünfeld, S. 16, Anm. 10 (unvollständiger und ungenauer Abdruck der Inschrift) und S. 63
Bloch, Ph., Ein vielbegehrter Rabbiner des Rheingaus, Juda Mehler Reutlingen, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden, Festschrift zum siebzigsten Geburtstags Martin Philippson, Leipzig 1916, S. 114-134
Brocke/Bondy, Der alte jüdische Friedhof Bonn-Schwarzrheindorf, Köln 1998
Horovitz, Rabbinen, S. 83, Anm. 30 (tw. ungenau)
Löwenstein, Leopold, R. Juda Mehler II, in: MGWJ 1917 (61)
Der jüdische Friedhof in Hanau, Hanau, Hanauer Geschichtsblätter, Bd. 42, 2005, S. 522

Fotografien

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Andreas Hemstege

heutiges Foto
1992
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Zitation der Inschrift

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(last modified - 2013-07-27 11:17)

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